Das Wichtigste in Kürze

  • Eine chronische Wunde ist meist Folge einer Grunderkrankung oder – beim Dekubitus – ursächlicher Risiken. Ohne geklärte Wundart und wirksame Ursachenbehandlung bleibt die lokale Versorgung unvollständig.
  • Der DNQP definiert chronische Wunden als Wunden, die innerhalb von acht Wochen nicht abgeheilt sind. Sein Expertenstandard fokussiert Dekubitus, diabetisches Fußulcus sowie venöse, arterielle und gemischt arterio-venöse Ulcera.
  • Das pflegerische Assessment umfasst mehr als Wundmaße: Schmerzen, Exsudat, Geruch, Mobilität, Schlaf, Körperbild, Teilhabe, Therapiebelastung, Krankheitsverständnis, Selbstmanagement und persönliche Ziele gehören dazu.
  • Kompression, Druckentlastung und Gefäßbehandlung sind keine Zusatzoptionen, sondern können die entscheidende kausale Therapie sein. Sie dürfen nur auf Grundlage einer belastbaren Diagnostik, eines fachlichen Plans und geeigneter Kompetenzen umgesetzt werden.
  • Bei klinischen Infektionszeichen ist die Wundbehandlung unverzüglich ärztlich zu evaluieren. Systemische Infektionszeichen, Sepsisverdacht oder eine akut bedrohte Extremität erfordern sofortige Notfallversorgung.
  • Die Auswahl einer Wundauflage richtet sich nach Behandlungsziel, Wundfläche, Wundrand, Umgebungshaut, Exsudat, Schmerz, Verträglichkeit und Alltagstauglichkeit – nicht nach Gewohnheit, Werbung oder einem vermeintlich universellen „Bestprodukt“.
  • Wenn die Versorgung nicht wirkt, wird nicht nur die Auflage gewechselt. Ursache, Perfusion, Druck oder Ödem, Infektion, Schmerz, Ernährung, tatsächliche Umsetzung und Passung zum Leben des Menschen werden erneut geprüft.
  • Der DNQP verlangt eine individuell festgelegte Evaluation; die Wirksamkeit der gesamten Maßnahmen ist spätestens nach vier Wochen zu beurteilen. Akute Veränderungen werden selbstverständlich sofort bewertet.

Chronisch beschreibt den Verlauf – nicht die Ursache

„Chronische Wunde“ ist keine ausreichende Diagnose. Der DNQP verwendet eine zeitliche Definition: Die Wunde ist innerhalb von acht Wochen nicht abgeheilt. Für die Versorgung ist jedoch entscheidend, warum sie besteht. Ein venöses Ulcus, eine arterielle Läsion, ein diabetisches Fußulcus und ein Dekubitus können ähnlich aussehen, benötigen aber unterschiedliche kausale Maßnahmen. Mischbilder sind häufig; auch eine ursprünglich richtig eingeordnete Wunde kann sich durch Infektion, neue Durchblutungsstörung, Druck oder eine weitere Erkrankung verändern.

Für den Expertenstandard stehen vier Wundgruppen im Mittelpunkt: Dekubitus, diabetisches Fußulcus, gefäßbedingtes Ulcus cruris venosum, arteriosum und gemischt arterio-venös. Atypische, ungewöhnlich lokalisierte, therapieresistente oder morphologisch auffällige Wunden dürfen nicht vorschnell in diese Gruppen gepresst werden. Entzündliche Gefäßerkrankungen, Pyoderma gangraenosum, Hauttumoren, Arzneimittelreaktionen oder andere seltene Ursachen brauchen dermatologische, gefäßmedizinische oder weitere spezialisierte Diagnostik.

Wundart oder VerdachtTypische ZusammenhängeEntscheidender Versorgungsauftrag
Venöses Ulcus crurisChronische venöse Insuffizienz, Ödem, Hautveränderungen am Unterschenkel; Erscheinungsbild allein beweist die Ursache nicht.Gefäßdiagnostik sichern und die fachlich festgelegte Kompression zuverlässig mit lokaler Versorgung, Bewegung und Hautschutz verbinden.
Arterielles oder gemischtes UlcusPeriphere arterielle Verschlusskrankheit, reduzierte Perfusion, Ruheschmerz, Kälte oder Nekrose können hinweisen; Beschwerden können bei Neuropathie fehlen.Gefäßmedizinische Abklärung und Behandlung priorisieren. Kompression und Débridement nicht ohne Kenntnis der Perfusion und fachliche Entscheidung durchführen.
Diabetisches FußulcusNeuropathie, Druckbelastung, Fehlstellungen und häufig zusätzliche pAVK; wenig Schmerz bedeutet nicht geringe Gefährdung.Druckentlastung, Infektions- und Perfusionsdiagnostik sowie multidisziplinäre Fußversorgung ohne Verzögerung organisieren.
DekubitusDruck beziehungsweise Druck in Verbindung mit Scherkräften, eingeschränkte Mobilität und individuelle Gewebetoleranz.Druckbelastung ursächlich reduzieren, Bewegung fördern, geeignete Hilfsmittel einsetzen und Wunde sowie Gesamtrisiko fortlaufend beurteilen.
Atypische oder stagnierende WundeUngewöhnliche Lage, auffälliger Rand, extreme Schmerzen, rasches Wachstum oder fehlender Fortschritt trotz plausibler Therapie.Diagnose nicht durch Produktwechsel ersetzen; frühzeitig spezialisierte ärztliche Diagnostik einschließlich möglicher Gewebeuntersuchung veranlassen.

Die professionelle Kernfrage lautet: Was verhindert Heilung oder belastet das Leben?

Wundheilung und Lebensqualität sind gleichrangige Bezugspunkte. Eine kleine Wunde kann durch Schmerz, Geruch oder einen aufwendigen Verband den gesamten Alltag bestimmen. Eine große Wunde kann in einer palliativen Situation nicht heilbar sein, aber durch verlässliches Exsudat-, Geruchs- und Schmerzmanagement deutlich weniger belasten. Gute Pflege verfolgt deshalb nicht automatisch „Wundverschluss um jeden Preis“, sondern ein gemeinsam vereinbartes realistisches Ziel.

Der Blick auf die Person schützt auch vor einem häufigen Denkfehler: Eine nicht umgesetzte Therapie ist nicht automatisch „fehlende Compliance“. Kompression kann schmerzen, Schuhe können nicht passen, Verbandmaterial kann verrutschen, der Wechsel kann Angst machen, kognitive Einschränkungen können Abläufe überfordern und Scham kann Beratung verhindern. Erst wenn diese Barrieren verstanden sind, lässt sich die Versorgung passend gestalten.

Schritt 1: Diagnose, Zuständigkeit und Ausgangslage sichern

Vor der Maßnahmenplanung müssen medizinische Diagnose der Grunderkrankung und Wundart vorliegen oder die Abklärung nachvollziehbar eingeleitet sein. „Chronische Wunde am Unterschenkel“ oder „offene Stelle am Fuß“ genügt nicht. Die Pflegefachperson holt außerdem Informationen zu Erkrankungen und Therapien ein, die Heilung, Blutungsrisiko, Schmerz, Infektionsabwehr oder Umsetzbarkeit beeinflussen können.

  • Ursachendiagnostik: Wundart, Gefäßstatus, Diabetes und Neuropathie, Druck- und Scherbelastung sowie gegebenenfalls atypische Ursachen.
  • Behandlungspfad: Wer verantwortet medizinische Diagnostik und Therapie? Wer besitzt pflegerische Wundexpertise? Wer darf welche Maßnahme durchführen, verändern oder eskalieren?
  • Aktueller Therapieplan: lokale Versorgung, Wechselintervall, Schmerzplan, Kompression oder Druckentlastung, Hautpflege, Mobilität und vereinbarte Kontrolltermine.
  • Versorgungskontinuität: Material, Hilfsmittel, Verordnungen, Termine und Übergaben müssen ohne unbegründete Unterbrechung gesichert sein.

Die erste pflegefachliche Einschätzung soll nach DNQP unter Einbezug pflegerischer Fachexpertise erfolgen. Eine allgemeine Pflegeausbildung befähigt nicht automatisch zu jeder komplexen Wundmaßnahme. Die Einrichtung braucht eine inter- und intraprofessionell verbindliche Verfahrensregelung, erreichbare Fachexpertise und klare Eskalationswege – auch außerhalb üblicher Visitenzeiten.

Schritt 2: Person, Wunde und Therapiebelastung gemeinsam einschätzen

Ein vollständiges Assessment verbindet klinische Beobachtung mit der Perspektive des Bewohners. Selbstauskunft hat Vorrang, wenn sie möglich ist; bei kognitiven oder kommunikativen Einschränkungen werden nonverbale Zeichen, biografische Hinweise und Angaben vertrauter Personen ergänzend genutzt. Interpretation bleibt als solche gekennzeichnet.

Wund- und körperbezogene Einschätzung

  • Lokalisation, vermutete beziehungsweise gesicherte Wundart und Dauer;
  • standardisiert gemessene Wundgröße sowie nachvollziehbare Beschreibung sichtbarer Wundfläche, Wundrand und Wundumgebung;
  • Exsudat und Wirkung des Exsudatmanagements, Geruch nach fachgerechter Reinigung, Blutung und Hautschutz;
  • Schmerz in Ruhe, bei Bewegung, bei Kompression und vor, während sowie nach dem Verbandwechsel;
  • lokale und systemische Infektionszeichen, Durchblutung, Sensibilität, Ödem, Druckbelastung und Mobilität;
  • Ernährungszustand, Flüssigkeitsversorgung, Ausscheidung, Schlaf, Sturzrisiko, Begleiterkrankungen und relevante Arzneimittel.

Wund- und therapiebedingte Beeinträchtigungen

  • Was verhindert Schlaf, Bewegung, Körperpflege, Kleidung, soziale Kontakte oder Teilnahme an Aktivitäten?
  • Welche Rolle spielen Geruch, Durchfeuchtung, sichtbarer Verband, Scham, Angst oder ein verändertes Körperbild?
  • Welche Maßnahmen empfindet die Person als hilfreich, belastend oder nicht nachvollziehbar?
  • Was kann sie selbst übernehmen, wobei braucht sie Anleitung und wobei vollständige Unterstützung?
  • Welche Ziele sind ihr wichtiger als ein ausschließlich flächenbezogener Heilungsfortschritt?

Fotodokumentation kann Verlauf und Kommunikation unterstützen, ersetzt aber weder Untersuchung noch schriftliche Beschreibung. Sie benötigt Einwilligung beziehungsweise eine tragfähige Rechtsgrundlage, standardisierte Bedingungen, sichere Speicherung und klare Zugriffsrechte. Bilder gehören nicht auf private Smartphones oder in ungesicherte Messenger.

Schritt 3: Ein realistisches gemeinsames Ziel festlegen

Das Ziel steuert alle weiteren Entscheidungen. Es wird nicht nur im Team, sondern mit dem Bewohner und – mit Zustimmung – seinen Zugehörigen vereinbart. Verständliche Information über Ursache, Behandlungsprinzip, erwartbaren Verlauf und Alternativen ist Voraussetzung echter Beteiligung.

ZieldimensionBeispiele für überprüfbare Ziele
Heilung und UrsachenbehandlungÖdem wirksam reduzieren, Druckentlastung verlässlich nutzen, Perfusionsabklärung abschließen, Wundfläche und -tiefe im erwartbaren Verlauf verbessern.
Komplikationen vermeidenInfektionszeichen früh erkennen, Mazeration verhindern, neue Druck- oder Scheuerstellen vermeiden, Rezidivrisiken bearbeiten.
Belastungen lindernVerbandwechsel mit tolerierbarem Schmerz, weniger Durchfeuchtung oder Geruch, besserer Schlaf, weniger Angst.
Alltag und TeilhabeKleidung und Schuhwerk wieder nutzen, an Mahlzeiten teilnehmen, sicher mobil bleiben, Versorgung mit möglichst wenig Unterbrechung des Tagesablaufs.
Komfort bei begrenzter HeilungsperspektiveSchmerz, Geruch, Exsudat und Blutungsrisiko kontrollieren, belastende Maßnahmen reduzieren und Würde erhalten.

Ein Ziel wie „Wunde heilt ab“ ist zu unspezifisch. Ein Ziel wie „Der Verband bleibt bis zum geplanten Wechsel dicht; der prozedurale Schmerz liegt in dem mit der Bewohnerin vereinbarten tolerierbaren Bereich; die Kompression wird tagsüber wie geplant getragen und Haut, Zehen und Beschwerden werden nach festgelegtem Schema kontrolliert“ macht Durchführung und Evaluation möglich.

Schritt 4: Kausale Therapie und lokale Versorgung als Einheit umsetzen

Die lokale Versorgung schafft günstige Bedingungen im Wundgebiet. Sie kann eine fehlende Ursachenbehandlung nicht kompensieren. Deshalb müssen Wundauflage, Kompression, Druckentlastung, Mobilität, Gefäßbehandlung, Infektionsmanagement, Schmerztherapie und persönliche Umsetzbarkeit in einem Plan stehen.

Kompression bei venöser Ursache

Bei venösem Ulcus ist die Reduktion der venösen Hypertonie – insbesondere durch fachgerecht angepasste Kompression – ein zentrales Behandlungsprinzip. Vor Beginn müssen arterielle Durchblutung, Wundursache, Risiken und Kontraindikationen ausreichend beurteilt sein. Bei Diabetes, Mediasklerose oder anderen besonderen Situationen können einzelne Messverfahren irreführen; die Interpretation gehört in fachkundige Hände.

Die Pflege setzt die verordnete und fachlich festgelegte Versorgung kompetent um, kontrolliert Sitz und Wirkung und beobachtet Schmerzen, Taubheit, Hautfarbe, Temperatur, Schwellung und Druckstellen. Neue starke Schmerzen, Kälte, Blässe, Zyanose oder Sensibilitätsverlust werden nicht durch „noch etwas abwarten“ beantwortet. Eigenmächtige Druckstufen, Materialkombinationen oder improvisierte Wickeltechniken sind keine sichere Lösung.

Druckentlastung beim diabetischen Fuß und beim Dekubitus

Ein diabetisches Fußulcus braucht wirksame Druckentlastung. Ein Verband ohne konsequente Entlastung behandelt die Folge, während der schädigende Reiz fortbesteht. Welche Orthese, welches Schuhwerk oder welches Entlastungsverfahren geeignet ist, wird spezialfachlich festgelegt; Pflege beobachtet Nutzung, Passform, Haut, Mobilität, Sturzrisiko und tatsächliche Alltagstauglichkeit.

Beim Dekubitus richtet sich die Druckreduktion nach Bewegungsfähigkeit, Risikokonstellation, Lokalisation, Komfort und Behandlungsziel. Starre Lagerungspläne ohne individuelle Reaktion sind ebenso unzureichend wie das Vertrauen auf eine Matratze allein. Eigenbewegung, Positionswechsel, Transfer, Sitzsituation, Hilfsmittel und Schmerz müssen zusammengeführt werden.

Wundreinigung und Débridement

Reinigung und Entfernung avitalen Gewebes erfolgen zielgerichtet, hygienisch und schmerzarm. Bei einer nicht infizierten Wunde ohne Beläge empfiehlt die AWMF für die aktive periodische Reinigung sterile, wirkstofffreie Lösungen. Antiseptika gehören nicht routinemäßig auf jede chronische Wunde. Ihre Indikation, Wirkstoffwahl, Einwirkzeit, Verträglichkeit und zeitliche Begrenzung benötigen eine fachliche beziehungsweise ärztliche Entscheidung.

Débridement ist kein einheitlicher Handgriff. Verfahren unterscheiden sich in Wirkung, Schmerz, Blutungs- und Gewebeschädigungsrisiko. Chirurgisches Débridement reicht in vitales Gewebe und gehört nicht in die Hand unqualifizierter Mitarbeitender. Trockene Nekrosen dürfen nicht pauschal aufgeweicht werden; insbesondere bei kritischer Ischämie kann das gefährlich sein. Kompetenz, Diagnose, Perfusion, Schmerztherapie, Einwilligung und Verfahrensregelung bestimmen das Vorgehen.

Wundauflage und Wechselintervall

Die Auflage soll die Wunde schützen, ein physiologisch angemessenes Feuchtigkeitsmilieu unterstützen, Exsudat sicher aufnehmen und zurückhalten sowie Gewebe und Umgebungshaut nicht traumatisieren. Ausnahmen – etwa eine bewusst trocken zu haltende Nekrose – brauchen eine klare fachliche Begründung.

Auswahl und Wechselintervall richten sich nach Ziel, Wundzustand, Exsudat, Haftstärke, Schmerz, Allergien, Verträglichkeit, Praktikabilität und Wirtschaftlichkeit. Häufiger Wechsel ist nicht automatisch bessere Pflege: Er kann Schmerzen, Gewebetrauma, Materialverbrauch und Belastung erhöhen. Ein durchfeuchteter, undichter, verrutschter oder klinisch problematischer Verband darf umgekehrt nicht bis zum Kalendertag belassen werden.

Infektion erkennen, ohne Besiedlung und Infektion gleichzusetzen

Chronische Wunden sind mikrobiell besiedelt; das allein begründet weder Antiseptika noch Antibiotika. Entscheidend sind klinische Zeichen und die Gesamtsituation. Zunehmende Rötung, Überwärmung, Schwellung, Schmerz, Exsudat oder Funktionsverlust, Wundvergrößerung, neue Gewebeschädigung oder Allgemeinverschlechterung können eine Infektion anzeigen. Bei älteren Menschen können Fieber und ausgeprägte lokale Zeichen fehlen; neue Verwirrtheit oder deutlicher Funktionsverlust sind ernst zu nehmen, aber nicht automatisch der Wunde zuzuschreiben.

Ein Abstrich „zur Sicherheit“ ersetzt keine klinische Beurteilung. Ob, wann und wie mikrobiologisch beprobt wird, richtet sich nach klinischem Verdacht und diagnostischer Fragestellung. Ebenso werden systemische Antibiotika nicht aufgrund von Geruch, Farbe oder einem Laborbefund allein begonnen. Bei klinischen Infektionszeichen verlangt die AWMF eine unverzügliche ärztliche Evaluation; bei systemischer Infektion oder Sepsisverdacht die sofortige stationäre Einweisung.

Schmerz ist ein Ergebnis- und Warnparameter

Wundschmerz kann dauerhaft, bewegungsabhängig, ischämisch, neuropathisch oder prozedural sein. Er beeinflusst Mobilität, Schlaf, Stimmung, Ernährung und die Bereitschaft, eine Therapie mitzutragen. Deshalb wird Schmerz mit der Selbstauskunft als Ausgangspunkt und bei Bedarf mit geeigneter Fremdbeobachtung erfasst – nicht nur direkt vor dem Verbandwechsel.

  • Schmerzplan und Bedarfsregeln vor der Maßnahme kennen; Wirkungseintritt und Bewohnerwunsch bei der Terminierung berücksichtigen.
  • Ruhe, Privatsphäre, verständliche Ankündigung, Stoppsignal und möglichst wenige unnötige Manipulationen sichern.
  • Haftende Auflagen fachgerecht und atraumatisch lösen; trockene, verklebte Materialien nicht gewaltsam abziehen.
  • Schmerz während und nach der Versorgung erneut erfassen und die nächste Durchführung daraus anpassen.
  • Neue, unverhältnismäßig starke oder therapieresistente Schmerzen als mögliches Zeichen von Ischämie, Infektion, Druckschaden oder anderer Komplikation eskalieren.

Therapieumsetzung fördern – nicht Gehorsam bewerten

Der DNQP misst Information, Schulung und Beratung große Bedeutung bei. Bewohner sollen Ursache und Zweck der vereinbarten Maßnahmen kennen und entsprechend ihrer Fähigkeiten beteiligt werden. Das gelingt nur mit verständlicher, übereinstimmender Information aller Beteiligten.

  1. Nach dem Verständnis fragen: Was glaubt die Person, wodurch die Wunde entstanden ist und was ihr helfen könnte?
  2. Nutzen alltagsnah erklären: Nicht „Sie müssen Kompression tragen“, sondern den Zusammenhang zwischen venösem Rückstau, Schwellung, Wunde und dem vereinbarten Ziel verständlich machen.
  3. Belastung konkret erfragen: Schmerz, Hitze, Scham, Schlafstörung, Zeitaufwand, Angst, eingeschränkte Mobilität oder fehlende passende Kleidung.
  4. Passende Lösung gemeinsam suchen: Zeitpunkt, Material, Schmerzmanagement, Hilfsmittel, Kleidung, Aktivität und Unterstützung im Rahmen des fachlich Vertretbaren anpassen.
  5. Teach-back nutzen: Die Person in eigenen Worten erklären lassen, was vereinbart ist, worauf sie achten möchte und wann sie Hilfe anfordert.

Eine abgelehnte Maßnahme wird nicht heimlich, unter Druck oder als Routine gegen erkennbaren Widerstand durchgeführt. Zustimmung, Entscheidungsfähigkeit, akute Gefährdung und vertretbare Alternativen sind sorgfältig zu klären. Bei kognitiver Einschränkung werden Informationen vereinfacht, Zeit und Umgebung angepasst und vertraute Personen mit Zustimmung einbezogen; die Person bleibt dennoch Mittelpunkt der Entscheidung.

Ernährung, Bewegung und Begleiterkrankungen gezielt einbeziehen

Mangelernährung, eingeschränkte Mobilität, Ödeme, Diabetes, Gefäßerkrankungen, Anämie, Herz- oder Nierenprobleme, Rauchen und bestimmte Arzneimittel können den Verlauf beeinflussen. Das rechtfertigt weder pauschale Nahrungsergänzung noch starre Trink- oder Bewegungsprogramme. Notwendig sind Screening, vertiefte Abklärung und individuelle Behandlung.

Bewegung kann venösen Rückfluss, Selbstständigkeit und Lebensqualität fördern, muss aber zur Perfusion, Belastbarkeit, Druckentlastung, Sturzgefährdung und ärztlichen Therapie passen. Bei Diabetes sind Blutzuckerbehandlung und Fußschutz relevant; individuelle Zielwerte und Arzneimittelanpassungen bleiben ärztliche Aufgaben. Pflege beobachtet Wirkung, Nebenwirkungen und Umsetzbarkeit und bringt diese Informationen in die Behandlung ein.

Dokumentation muss Entscheidungen und Wirkung nachvollziehbar machen

Dokumentation ist kein Ersatz für Versorgung, aber ohne verlässliche Dokumentation lassen sich Verlauf, Übergaben und Therapieanpassungen nicht sicher steuern. Die AWMF nennt als Mindestinhalte unter anderem medizinische Diagnose beziehungsweise Verdachtsdiagnose, Lokalisation, gemessene Wundgröße, sichtbare Wundfläche, Exsudat und Erfolg des Exsudatmanagements, Wundrand, Wundumgebung, Therapieanordnung und -durchführung, Anlass eines Therapiewechsels sowie begleitende Maßnahmen wie Kompression und Druckentlastung.

UnzureichendAussagekräftiger
„Wunde unverändert.“Messmethode, Größe, sichtbare Gewebe, Rand, Umgebung, Exsudat, Schmerz und Vergleich zur letzten strukturierten Beurteilung benennen.
„Verband gemacht.“Durchgeführte Versorgung gemäß aktueller Anordnung, Abweichungen, Verträglichkeit, Wirkung und Besonderheiten dokumentieren.
„Patient verweigert Kompression.“Angebot, Information, geäußerte Gründe, Beschwerden, Entscheidungshilfen, Alternativen, Risikobesprechung und vereinbarter nächster Schritt festhalten.
„Wunde riecht.“Zeitpunkt der Beobachtung – insbesondere vor oder nach Reinigung –, Exsudat, lokale Zeichen, Allgemeinzustand und eingeleitete fachliche Bewertung dokumentieren.
„Neues Produkt ausprobiert.“Indikation, Behandlungsziel, verantwortliche Anordnung, erwartete Wirkung, Wechselkriterien und Evaluationstermin benennen.

Der Pflegebericht enthält vor allem Abweichungen, neue Beobachtungen, Reaktionen und Entscheidungen. Der strukturierte Wundverlauf gehört in das dafür vorgesehene Instrument. Doppeldokumentation mit widersprüchlichen Angaben ist ein Risiko, kein Qualitätsmerkmal.

Evaluation: Nicht nur Zentimeter zählen

Bei jedem Verbandwechsel wird auf Veränderungen und unerwünschte Wirkungen geachtet. Eine detaillierte Wundbeurteilung erfolgt in einem individuell begründeten Intervall und zusätzlich bei relevanten Veränderungen. Der DNQP fordert die Beurteilung der gesamten Maßnahmen in individuell festgelegten Abständen, spätestens nach vier Wochen.

  • Entwickelt sich die Wunde in Richtung des vereinbarten Ziels?
  • Sind Exsudat, Geruch, Umgebungshaut und Schmerz besser kontrolliert?
  • Wird die kausale Therapie tatsächlich wirksam umgesetzt?
  • Hat sich Mobilität, Schlaf, Selbstständigkeit oder Teilhabe verbessert oder verschlechtert?
  • Sind neue Risiken, Nebenwirkungen, Materialprobleme oder Wissenslücken entstanden?
  • Ist das Ziel weiterhin realistisch und von der Person gewollt?

Bei Stagnation folgt eine strukturierte Neubewertung: Stimmt die Diagnose? Ist die Perfusion ausreichend? Sind Druck und Ödem wirksam adressiert? Gibt es Infektion, Kontaktallergie, Mazeration, Schmerz, Mangelernährung oder eine atypische Ursache? Ist der Plan im Alltag umsetzbar und wird er professionsübergreifend einheitlich verfolgt? Ein ungeprüfter Wechsel von Auflage zu Auflage kann diese Fragen verdecken.

Übergänge ohne Versorgungsbruch gestalten

Krankenhausaufnahme, Entlassung, Facharzttermin oder Wechsel des Leistungserbringers sind Hochrisikopunkte. Eine sichere Übergabe enthält mindestens:

  • gesicherte beziehungsweise noch zu klärende Wundart und Grunderkrankung;
  • relevante Diagnostik einschließlich Gefäßstatus und aktuelle Warnzeichen;
  • Wundstatus und nachvollziehbaren Verlauf;
  • aktuelle lokale Versorgung mit Produktbezeichnung, Wechselintervall, Reinigung und Hautschutz;
  • Kompression oder Druckentlastung einschließlich Voraussetzungen, Trage- beziehungsweise Anwendungsplan und Kontrollen;
  • Schmerz- und gegebenenfalls Infektionsbehandlung;
  • individuelle Ziele, Präferenzen, Belastungen und Fähigkeiten;
  • verantwortliche Ansprechpersonen, Materialversorgung und nächsten verbindlichen Termin.

Unklare oder widersprüchliche Anordnungen werden vor der nächsten Durchführung geklärt. „Wie bisher“ ist keine sichere Übergabe, wenn niemand den bisherigen Plan eindeutig kennt.

Was in einer professionellen Wundversorgung nicht geht

  • Nur die Wundoberfläche behandeln: Ohne Ursachenklärung und kausale Therapie bleibt der zentrale Heilungsfaktor unbearbeitet.
  • Kompression ohne belastbare Einschätzung: Eine unerkannte relevante arterielle Durchblutungsstörung kann die Extremität gefährden.
  • Wundprodukte nach Werbung oder Vorrat auswählen: Material folgt Ziel, Befund, Verträglichkeit und Alltag – nicht umgekehrt.
  • Antiseptika oder antibiotische Produkte routinemäßig verwenden: Besiedlung ist nicht gleich Infektion; Nutzen, Risiken und Indikation müssen geprüft sein.
  • Avitales Gewebe unqualifiziert abtragen: Débridement verlangt passende Diagnostik, Kompetenz, Schmerzmanagement und Einwilligung.
  • Schmerz als unvermeidlich hinnehmen: Schmerz ist zu erfassen, zu behandeln und als Warnzeichen einzuordnen.
  • Ablehnung als Schuld der Person dokumentieren: Belastung, Verständnis, Präferenzen und Barrieren müssen bearbeitet werden.
  • Eine stagnierende Versorgung unverändert fortführen: Spätestens nach vier Wochen – bei Verschlechterung sofort – ist die Gesamtstrategie zu evaluieren.
  • Verantwortung an eine „Wundschwester“ abschieben: Fachexpertise unterstützt; Pflegeprozess, Durchführung, Beobachtung und Eskalation bleiben verbindliche Teamaufgaben mit geklärten Rollen.
  • Wundbilder unsicher versenden: Datenschutz, Würde und nachvollziehbare Befundkommunikation gelten auch unter Zeitdruck.

Qualitätskriterien für vollstationäre Einrichtungen

  1. Für jede chronische Wunde liegen Wundart und Grunderkrankung vor oder die zeitnahe Abklärung ist dokumentiert veranlasst.
  2. Pflegerische Wundexpertise ist bei Erstassessment, komplexem Verlauf und relevanter Veränderung erreichbar.
  3. Eine aktuelle Verfahrensregelung klärt Kompetenzen, Hygiene, Materialversorgung, Dokumentation, Infektions- und Notfallwege sowie Übergaben.
  4. Der individuelle Maßnahmenplan verbindet kausale Therapie, lokale Versorgung, Schmerz, Beeinträchtigungen, Ziele und Selbstmanagement.
  5. Bewohner erhalten verständliche, widerspruchsfreie Information und werden an Entscheidungen beteiligt.
  6. Materialien, Verbandmittel und Hilfsmittel stehen ohne vermeidbare Unterbrechung zur Verfügung.
  7. Durchführung und Wirkung werden einheitlich dokumentiert; relevante Abweichungen lösen definierte Reaktionen aus.
  8. Die gesamte Versorgung wird individuell und spätestens nach vier Wochen evaluiert; Ergebnisse verändern bei Bedarf den Plan.
  9. Übergaben enthalten Diagnose, Verlauf, aktuelle Therapie, Verantwortlichkeiten, Material und nächsten Termin.
  10. Fortbildung, Fallbesprechung und Audit prüfen nicht nur Dokumentationsvollständigkeit, sondern Lebensqualität, Heilungsverlauf, Beteiligung und Versorgungskontinuität.

Quellen und redaktionelle Einordnung

  1. DNQP: Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“, 2. Aktualisierung 2025 – Auszug – Zielgruppe und Definition, pflegerisches Assessment, Fachexpertise, Maßnahmenplanung, Information, Koordination, Durchführung, Dokumentation und Evaluation spätestens nach vier Wochen.
  2. DNQP: Expertenstandards und Auditinstrumente – Veröffentlichungsstand Juni 2025 sowie Auditmaterial zur aktuellen Fassung.
  3. DGfW und beteiligte Fachgesellschaften: S3-Leitlinie Lokaltherapie schwerheilender und/oder chronischer Wunden, Version 2.2, Stand 31. Oktober 2023 – Ursachenklärung, Assessment, Wunddokumentation, Reinigung, Wundauflagen, Komplikationen, Beratung und Versorgungsorganisation bei pAVK, Diabetes mellitus und chronischer venöser Insuffizienz.
  4. Deutsche Gesellschaft für Angiologie und beteiligte Fachgesellschaften: S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, Version 2024 – Diagnostik, chronisch gliedmaßenbedrohende Ischämie, gefäßmedizinische Therapie und geriatrische Aspekte.
  5. Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, Version 3.0, 2023, gültig bis Mai 2028 – individuelle Therapieziele, diabetische Neuropathie, pAVK und risikoadaptierte Fußversorgung.
  6. DNQP: Expertenstandard „Schmerzmanagement in der Pflege“, Aktualisierung 2020 – systematische Einschätzung, individueller interprofessioneller Behandlungsplan, Information und Wirksamkeitskontrolle.
  7. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit: Nummern für den Notfall – Einordnung von Notruf 112 und ärztlichem Bereitschaftsdienst 116117.
Redaktioneller Standard: Quellenstand 18. Juli 2026. Der DNQP-Expertenstandard von 2025 bildet den verbindlichen pflegerischen Qualitätsrahmen; die AWMF-S3-Leitlinie konkretisiert die Lokaltherapie für Wunden bei pAVK, Diabetes mellitus und chronischer venöser Insuffizienz. Aussagen zu Kompression, Gefäßdiagnostik, Débridement, Antiseptika, Antibiotika, Druckentlastung und konkreten Produkten sind bewusst als diagnose-, kompetenz- und anordnungsabhängig begrenzt. Der Beitrag ersetzt weder die vollständigen Originaldokumente noch eine individuelle medizinische oder wundfachliche Entscheidung. Erneute Prüfung spätestens Juli 2027 oder früher bei Aktualisierung der genannten Leitlinien und Standards.