Expertenstandards-Cockpit · DNQP

Pflege von Menschen mit chronischen Wunden

Dieses Cockpit verbindet die Wunde mit ihrer Ursache und dem Leben des Menschen: Wund- und Krankheitssituation differenziert einschätzen, persönliche Ziele vereinbaren, ursachenbezogene Therapie und lokale Versorgung koordinieren, Selbstmanagement ermöglichen und Heilungsverlauf, Beschwerden sowie Lebensqualität gemeinsam bewerten.

Fassung2. Aktualisierung 2025Offizieller StandAktuelle Fassung verfügbarGeprüft31. August 2026
Ein sorgfältig ausgebessertes Textilgewebe verbindet unterschiedliche Stofflagen und steht für ursachenbezogene Wundversorgung und wiedergewonnene Alltagssicherheit.
KI-generierte IllustrationChronische Wundversorgung hält Ursache, lokale Behandlung und Alltag wie tragende Fäden zusammen.
Situation verstehenWunde, Ursache und Alltag zusammen lesen

Wundtyp, Grunderkrankung, Symptome, Fähigkeiten und persönliche Belastung differenziert einordnen.

Versorgung koordinierenUrsachentherapie und lokale Pflege verbinden

Maßnahmen ambulant oder stationär mit klaren Aufträgen und Übergaben umsetzen.

Wirkung prüfenHeilung, Symptome und Teilhabe auditieren

Fall, Fachkompetenz und Organisation auf nachvollziehbare Ergebnisse ausrichten.

Das Wichtigste in Kürze

Woran eine ursachenbezogene Wundversorgung erkennbar wird

Mehr als Wundfläche und Verband

Vier Perspektiven bestimmen die Versorgung chronischer Wunden

Eine chronische Wunde ist weder ein isolierter Hautdefekt noch allein eine Verbandsaufgabe. Wundursache, Durchblutung oder Druck, lokale Situation, Beschwerden, Fähigkeiten und Lebensumstände müssen zusammengeführt werden.

Wundursache und Grunderkrankung

Venöse oder arterielle Durchblutungsstörung, Diabetes, Druck, Neuropathie und weitere Einflussfaktoren bestimmen, welche ursachenbezogene Behandlung erforderlich und sicher ist.

Lokale Wundsituation

Lokalisation, Größe, Tiefe, Gewebe, Exsudat, Wundrand, Umgebungshaut, Geruch, Entzündungszeichen und Verlauf werden nachvollziehbar beschrieben.

Beschwerden und Lebensqualität

Schmerz, Juckreiz, Geruch, Schlaf, Mobilität, Kleidung, Scham, Arbeit und soziale Kontakte zeigen, wie stark die Wunde den Alltag prägt.

Fähigkeiten und Versorgungssystem

Wissen, Handfunktion, Sehfähigkeit, Motivation, Materialzugang, Wohnumfeld, Angehörigenhilfe und interprofessionelle Erreichbarkeit entscheiden über Umsetzbarkeit.

Geschlossener Pflegeprozess

Fünf Schritte von der Wund- und Krankheitsanalyse zur wirksamen Verlaufskontrolle

Die Darstellung ist eine redaktionelle Übersetzung der aktuellen Standardlogik. Sie ersetzt nicht die Originalveröffentlichung.

  1. 01

    Wund- und Krankheitssituation einschätzen

    Welche Wunde liegt vor, welche Ursache ist gesichert und was belastet die Person aktuell?

    Die Pflegefachkraft erhebt Wundsituation, Grunderkrankung, Beschwerden, bisherige Behandlung, Fähigkeiten, Alltag und Warnzeichen. Unklare Ursache oder Verschlechterung wird fachlich abgeklärt.

  2. 02

    Ziele und abgestimmten Plan entwickeln

    Welches Ergebnis ist medizinisch realistisch, persönlich bedeutsam und im Alltag erreichbar?

    Heilung, Stabilisierung, Schmerz- oder Geruchsreduktion, Beweglichkeit und Selbstmanagement werden priorisiert. Ursachentherapie, lokale Versorgung, Beratung und Zuständigkeiten bilden einen gemeinsamen Plan.

  3. 03

    Informieren, beraten und Fähigkeiten fördern

    Versteht die Person Ursache, Behandlung, Warnzeichen und eigene Handlungsmöglichkeiten?

    Beratung wird an Sprache, Kognition, Lebenslage und Bereitschaft angepasst. Verband, Kompression oder Entlastung werden praktisch erklärt und gemeinsam erprobt.

  4. 04

    Versorgung koordiniert durchführen

    Werden Ursachentherapie, Wundversorgung und Symptomkontrolle verlässlich zusammen umgesetzt?

    Pflege, Medizin, Wundexpertise, Therapie und Hilfsmittelversorgung arbeiten nach klaren Aufträgen. Abweichungen, Schmerzen und Materialprobleme werden zeitnah rückgekoppelt.

  5. 05

    Wirkung und Plan evaluieren

    Verbessern sich Wunde, Beschwerden und Lebensqualität – oder braucht es eine neue Bewertung?

    Wundverlauf, Schmerzen, Infektionszeichen, Belastung, Therapietreue und persönliche Zielerreichung werden gemeinsam bewertet und der Plan bei Stagnation oder Verschlechterung angepasst.

Maßnahmen passend kombinieren

Ursache behandeln, Wunde versorgen, Alltag wieder möglich machen

Lokale Wundversorgung wirkt nur im Zusammenspiel mit der Behandlung der Grunderkrankung, Symptomkontrolle, Druckentlastung oder Kompression, alltagstauglicher Anleitung und einer verlässlichen interprofessionellen Abstimmung.

Ursache konsequent mitbehandeln

Venöse, arterielle, diabetische oder druckbedingte Ursachen werden diagnostisch geklärt und in den interprofessionellen Plan übersetzt.

Wunde fachgerecht lokal versorgen

Reinigung, Verbandmittel, Wechselintervall und Hautschutz folgen Wundsituation, Anordnung, Exsudat, Schmerz und Verträglichkeit.

Druck entlasten oder Kompression sichern

Entlastung und fachlich indizierte Kompression werden praktisch angepasst, erklärt und auf Wirkung sowie Nebenfolgen geprüft.

Schmerz und belastende Symptome lindern

Analgesie, atraumatischer Verbandwechsel, Geruchs- und Exsudatmanagement sowie günstige Zeitpunkte reduzieren vermeidbare Belastung.

Selbstmanagement ermöglichen

Die Person lernt Warnzeichen, Materialhandhabung, Hautbeobachtung, Bewegung und alltagstaugliche Schutzmaßnahmen in erreichbaren Schritten.

Übergänge und Materialversorgung stabilisieren

Verordnung, Lieferung, Dokumentation, Ansprechpartner und Rückfragen werden so organisiert, dass keine Versorgungslücke entsteht.

Ein Standard, drei klar begrenzte Perspektiven

Was sich ambulant, stationär und für Angehörige unterscheidet

Die fachliche Zielsetzung bleibt gemeinsam. Verantwortung, Beobachtungszeit, Umfeld und umsetzbare nächste Schritte sind es nicht.

Ambulante Fachpraxis

Zwischen Besuchen muss der Plan zuhause tragfähig bleiben

  • Wohnumfeld, hygienische Möglichkeiten, Lagerung von Material und reale Selbsthilfefähigkeit beim Erstbesuch prüfen.
  • Wundbehandlung nur mit eindeutigem Auftrag, aktuellem Materialplan und geklärtem Rückmeldeweg übernehmen.
  • Schmerz, Verbanddurchfeuchtung, Geruch, Entlastung oder Kompression bei jedem Kontakt auf Veränderungen prüfen.
  • Lieferengpässe, ungeeignete Produkte und fehlende ärztliche Rückmeldung früh koordinieren.
  • Grenze: Angehörige werden nicht selbstverständlich zu Verbandwechsel, Kompression oder dauernder Überwachung verpflichtet.
Stationäre Fachpraxis

Jede Schicht muss Ursache, Ziel und Abweichung verstehen

  • Wundstatus, Grunderkrankung, Ziel, Schmerzplan und Zuständigkeit in Planung und Übergabe zusammen sichtbar halten.
  • Verbandwechsel, Körperpflege, Mobilität, Ernährung und Druckentlastung zeitlich aufeinander abstimmen.
  • Wundexpertise bei komplexem Verlauf erreichbar machen, ohne die Fallverantwortung aus dem Pflegeteam auszulagern.
  • Stagnation, Infektionsverdacht und Therapieabbrüche interprofessionell mit klarer Frist bearbeiten.
  • Grenze: Eine einheitliche Standardauflage für alle Wunden ersetzt keine individuelle Wundbeurteilung.
Private Angehörige

Beobachten und unterstützen, ohne Fachbehandlung zu übernehmen

  • Auf Veränderungen bei Schmerz, Geruch, Rötung, Schwellung, Verbanddurchfeuchtung und Allgemeinzustand achten.
  • Entlastung, Bewegung oder Kompression nur so unterstützen, wie es fachlich gezeigt und vereinbart wurde.
  • Material, Termine und Fragen übersichtlich bereithalten und Probleme früh an den Pflegedienst melden.
  • Bei Fieber, rascher Verschlechterung, schwarzem Gewebe oder sehr kaltem blassem Fuß sofort fachliche Hilfe organisieren.
  • Grenze: Verbandmittel, Kompressionsstärke oder verordnete Arzneimittel nicht eigenmächtig wechseln.
Verantwortung sichtbar machen

Wer trägt welchen Teil – und woran ist das erkennbar?

RolleVerantwortungNachvollziehbarer Nachweis
PflegefachkraftWund- und Lebenssituation einschätzen, Pflegeprozess steuern, beraten, koordinieren und Wirkung evaluieren.Aktuelle Einschätzung, Ziele, Plan, Verlauf, Beratung und begründete Anpassung.
Wundbezogene FachexpertiseBei komplexen Situationen vertiefte pflegerische Expertise, Fallberatung und Implementierungswissen einbringen.Nachvollziehbare Empfehlung, gemeinsame Fallentscheidung und Kompetenztransfer.
Ärztliche und therapeutische PartnerUrsache diagnostizieren, Therapie anordnen und Durchblutung, Infektion, Druck oder Stoffwechsel behandeln.Befund, Auftrag, Verordnung, Rückmeldung und abgestimmtes Therapieziel.
Pflege- und AssistenzteamVereinbarte Maßnahmen sicher durchführen, Beschwerden beobachten und Abweichungen unverzüglich melden.Durchführung, Beobachtung, Übergabe und Reaktion auf Veränderungen.
Betroffene Person und AngehörigeZiele, Belastung und Präferenzen einbringen und vereinbarte Selbstmanagementschritte nutzen.Beteiligung, verständliche Information, praktische Erprobung und Rückmeldung.
Leitung und QualitätsverantwortlicheMaterial, Fachkompetenz, Verfahren, Schnittstellen und Auditlernen strukturell absichern.Ressourcen, Regelung, Schulung, Auditbefunde und nachgehaltene Verbesserung.
Audit als Qualitätsgespräch

Drei Ebenen gemeinsam prüfen

Die Prüffragen sind eine vorbereitende Orientierung in eigener Sprache. Für ein formales Audit gelten die aktuellen DNQP-Instrumente.

FallbezogenKommt eine ursachenbezogene Versorgung bei der Person an?
PersonalbezogenKann das Team Wunden differenziert und sicher versorgen?
EinrichtungsbezogenTrägt die Organisation den vollständigen Wundprozess?

Noch keine Prüfpunkte markiert.

Von Papier zu Praxis

Einführung in sechs beherrschbaren Schritten

Das Modell hält den Umbau klein genug zum Lernen und verbindlich genug zum Nachhalten.

  1. 01

    Wundpopulation und Schnittstellen kartieren

    Reale Wundarten, Aufträge, Materialwege, Expertise und Verzögerungen anhand vorhandener Fälle erfassen.

  2. 02

    Ursachenlogik verbindlich machen

    Für venöse, arterielle, diabetische und druckbedingte Situationen Mindestinformationen und Eskalationswege festlegen.

  3. 03

    Beobachtung und Verlauf vereinheitlichen

    Wenige aussagekräftige Merkmale, Foto-Regeln, Schmerz- und Lebensqualitätsfragen in die Dokumentation integrieren.

  4. 04

    Kompetenz am Fall trainieren

    Wundbeurteilung, Verbandwechsel, Kompression, Entlastung und Warnzeichen praktisch üben.

  5. 05

    Ein Versorgungsteam pilotieren

    Materialfluss, Übergabe, Beratung und Rückmeldung mit Betroffenenperspektive über mehrere Wechselzyklen testen.

  6. 06

    Audit und Fallkonferenz verbinden

    Stagnierende oder belastende Verläufe gemeinsam auswerten, Verbesserung festlegen und Wirkung erneut prüfen.

Häufige Kurzschlüsse

Was der Standard nicht sagt

Ist der moderne Verband das wichtigste Element?

Nein. Ohne Behandlung der Ursache, Symptomkontrolle, passende Entlastung oder Kompression und einen alltagstauglichen Plan bleibt lokale Versorgung unvollständig.

Muss jede chronische Wunde vollständig heilen?

Nicht immer. Ziele können je nach Ursache und Gesamtsituation auch Stabilisierung, weniger Schmerz, Geruch oder Exsudat und bessere Lebensqualität sein.

Beweist eine kleinere Wundfläche allein gute Versorgung?

Nein. Beschwerden, Umgebungshaut, Infektionszeichen, Alltag, Zielerreichung und mögliche Nebenfolgen müssen ebenfalls bewertet werden.

Dürfen Angehörige den Verband einfach mit einem ähnlichen Produkt ersetzen?

Nein. Verbandmittel und Wechselrhythmus gehören in einen fachlich abgestimmten Plan; Probleme werden an die zuständige Stelle zurückgemeldet.

Originale und Prüfstand

Quellen und redaktionelle Einordnung

Der Pflegekanzler erläutert und operationalisiert den Standard in eigener Sprache. Der vollständige, urheberrechtlich geschützte Standardtext, Kommentierungen und formale Auditinstrumente bleiben beim Herausgeber.

  1. StandardauszugDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Pflege von Menschen mit chronischen Wunden, 2. Aktualisierung 2025 – Auszug
  2. AuditinstrumentDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Auditfragebogen: Mensch mit chronischer Wunde
  3. HerausgeberübersichtDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Expertenstandards und Auditinstrumente
  4. MethodenpapierDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Methodisches Vorgehen zur Entwicklung, Einführung und Aktualisierung von Expertenstandards
  5. AktualisierungsmonitoringDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Jährliches Monitoring der Wissensbasis