Expertenstandards-Cockpit · DNQP

Dekubitus­prophylaxe in der Pflege

Dieses Cockpit macht aus Dekubitusprophylaxe einen überprüfbaren Versorgungsprozess: Druck- und Schereinwirkung individuell verstehen, Eigenbewegung ermöglichen, gefährdete Stellen rechtzeitig entlasten, passende Hilfsmittel verfügbar machen und die Haut- sowie Bewegungssituation kontinuierlich neu bewerten.

Fassung2. Aktualisierung 2017Offizieller StandAktualisierung läuftGeprüft31. August 2026
Ein textiles Relief verteilt Druck um Korkformen und hebt eine belastete Stelle durch eine bewegliche Stoffbrücke frei.
KI-generierte IllustrationDruckentlastung ist kein starres Lagerungsschema, sondern eine bewegliche Antwort auf Person, Gewebe, Situation und Ziel.
Risiko verstehenDruck, Scherkräfte und Bewegung verbinden

Gefährdung, Gewebetoleranz, Hautbefund und Situation ohne Score-Automatismus einordnen.

Entlastung organisierenBewegung und Hilfsmittel verlässlich verfügbar machen

Ambulante und stationäre Abläufe samt Zuständigkeit, Durchführung und Übergabe planen.

Wirksamkeit prüfenHaut, Belastung und Kontinuität auditieren

Fall-, Personal- und Organisationsebene zu einer konkreten Lernschleife verbinden.

Das Wichtigste in Kürze

Woran wirksame Dekubitusprophylaxe erkennbar wird

Druck entsteht in Situationen

Vier Einflussbereiche müssen gemeinsam betrachtet werden

Nicht ein Score entscheidet über das Risiko. Ausschlaggebend ist, ob und wie lange Druck oder Scherkräfte wirken, ob die Person reagieren kann und welche gesundheitlichen sowie versorgungsbezogenen Faktoren die Gewebetoleranz verändern.

Eigenbewegung und Position

Kann die Person Druck wahrnehmen, selbst reagieren, sich im Bett oder Stuhl verlagern und gefährdete Stellen entlasten? Sedierung, Lähmung, Schwäche, Schmerz und Bewusstseinslage verändern diese Fähigkeit.

Druck, Scherkräfte und Geräte

Körperstelle, Intensität und Dauer der Belastung zählen. Rutschen, Transfers, enge Hilfsmittel, Schläuche, Masken, Katheter und andere Medizinprodukte können lokal zusätzlichen Druck erzeugen.

Haut und Gewebetoleranz

Aktueller Hautbefund, Durchblutung, Feuchtigkeit, Ödeme, Temperatur, frühere Schäden und allgemeiner Gesundheitszustand beeinflussen, wie belastbar das Gewebe ist.

Versorgung und Präferenz

Matratze, Sitzfläche, Hilfezeitpunkte, Schlaf, Schmerz, Palliativziel, informierte Entscheidung und die tatsächliche Verfügbarkeit von Unterstützung bestimmen, ob ein Plan tragfähig ist.

Geschlossener Pflegeprozess

Fünf Schritte von der Gefährdung zur überprüften Entlastung

Die Darstellung ist eine redaktionelle Übersetzung der aktuellen Standardlogik. Sie ersetzt nicht die Originalveröffentlichung.

  1. 01

    Gefährdung sofort und anlassbezogen einschätzen

    Wirken Druck oder Scherkräfte so, dass die Person sie nicht ausreichend selbst ausgleichen kann?

    Zu Beginn des pflegerischen Auftrags werden Bewegungsfähigkeit, Belastungssituationen und Haut betrachtet. Bei erkennbarer Gefährdung folgt eine differenzierte Beurteilung. Veränderungen von Mobilität, Erkrankung, Geräten oder Umgebung lösen eine erneute Einschätzung aus.

  2. 02

    Individuellen Entlastungsplan vereinbaren

    Welche Eigenbewegung ist möglich, wo braucht es Unterstützung und wann muss vollständig entlastet werden?

    Pflegefachkraft und betroffene Person verbinden Bewegungsziel, Positionen, Hilfezeitpunkte, Hautbeobachtung und gegebenenfalls Hilfsmittel. Bedürfnisse wie Schlaf, Schmerz, Atmung und Teilhabe werden als Zielkonflikte sichtbar gemacht.

  3. 03

    Verständlich informieren und praktisch anleiten

    Kann die Person oder ihre Unterstützung erkennen, wann Belastung entsteht und wie sicher reagiert wird?

    Information umfasst Ursachen, Hautzeichen, eigenständige Bewegung, Positionierung und den korrekten Umgang mit Hilfsmitteln. Anleitung wird am realen Bett oder Sitzplatz erprobt und an Kraft, Kognition und Sprache angepasst.

  4. 04

    Bewegung, Entlastung und Hilfsmittel durchführen

    Ist die vereinbarte Entlastung genau dann vorhanden, wenn die Belastung entsteht?

    Eigenbewegung wird gefördert; fehlende Bewegung wird haut- und gewebeschonend unterstützt. Gefährdete Stellen werden entlastet und geeignete Systeme unverzüglich eingesetzt, wenn Bewegung allein nicht genügt. Abweichungen werden nicht nur dokumentiert, sondern bearbeitet.

  5. 05

    Haut und Wirksamkeit wiederholt bewerten

    Bleibt die Haut intakt und passen Maßnahmen noch zu Bewegung, Gesundheit und Willen?

    Haut, Belastungssituation, Eigenbewegung, Akzeptanz und unerwünschte Folgen werden in individuell festgelegten Abständen geprüft. Neue Auffälligkeiten führen zu Entlastung, fachlicher Einordnung und Anpassung des gesamten Plans.

Maßnahmen passend kombinieren

Eigenbewegung zuerst ermöglichen, Entlastung gezielt ergänzen

Maßnahmen werden an Bewegungsfähigkeit, gefährdeter Körperstelle, Belastungsdauer, Hilfsmitteln, Alltag und Präferenz ausgerichtet. Ein allgemeiner Lagerungsrhythmus ohne Evaluation ist kein individueller Plan.

Eigenbewegung ermöglichen

Erreichbare Haltepunkte, geeignete Ausgangspositionen, Schmerzreduktion und verständliche Impulse helfen der Person, selbst kleine Positionswechsel auszuführen.

Haut- und gewebeschonend bewegen

Transfers und Lageveränderungen vermindern unnötiges Ziehen und Rutschen. Technik und Hilfsmittel werden an Körper, Kraft, Umgebung und Mitarbeit angepasst.

Gefährdete Stellen vollständig entlasten

Wo Bewegung nicht ausreicht, werden besonders gefährdete Bereiche so positioniert, dass Druck tatsächlich weggenommen und nicht nur verlagert wird.

Druckverteilende Systeme passend wählen

Matratze, Auflage und Sitzkissen werden nach Risiko, Beweglichkeit, Mikroklima, Körperform und Versorgungsziel ausgewählt, kontrolliert und bei Bedarf gewechselt.

Gerätebedingten Druck prüfen

Masken, Schienen, Sonden, Schläuche und andere Hilfsmittel werden regelmäßig an Auflagepunkten kontrolliert, passend fixiert und soweit möglich druckarm gestaltet.

Kontinuität über Übergänge sichern

Risiko, gefährdete Stellen, wirksame Positionen und eingesetzte Hilfsmittel werden bei Schichtwechsel, Transport und Versorgungsübergang eindeutig weitergegeben.

Ein Standard, drei klar begrenzte Perspektiven

Was sich ambulant, stationär und für Angehörige unterscheidet

Die fachliche Zielsetzung bleibt gemeinsam. Verantwortung, Beobachtungszeit, Umfeld und umsetzbare nächste Schritte sind es nicht.

Ambulante Fachpraxis

Entlastung muss auch zwischen den Einsätzen funktionieren

  • Beim Erstbesuch reale Bett-, Sitz- und Transfersituationen sowie vorhandene Hilfezeiten erfassen.
  • Mit der Person festlegen, welche Eigenbewegung selbst gelingt und wer nur für klar eingegrenzte Unterstützung verfügbar ist.
  • Hilfsmittelbeschaffung, Lieferung, Anpassung und Funktionskontrolle mit eindeutigen Rückmeldewegen organisieren.
  • Hautauffälligkeiten fotografisch nur mit zulässiger Einwilligung und sonst präzise beschreibend übergeben; akut entlasten und fachlich klären.
  • Grenze: Ein ambulanter Dienst kann eine nicht vereinbarte Rund-um-die-Uhr-Positionierung weder voraussetzen noch Angehörigen stillschweigend übertragen.
Stationäre Fachpraxis

Jede Schicht muss denselben individuellen Plan wirksam tragen

  • Aufnahmeassessment, Tagesform, Hautbeobachtung und Hilfsmittelstatus in Übergaben und Pflegeplanung verbinden.
  • Positionierungs- und Bewegungsangebote an Schlaf, Mahlzeiten, Schmerz, Aktivitäten und persönliche Gewohnheiten koppeln.
  • Druckverteilende Systeme schnell verfügbar halten und ihre Eignung, Einstellung, Wartung und Nutzung verantworten.
  • Neue Hautbefunde zeitnah fachlich bewerten, differenzieren und mit Wund- oder ärztlicher Expertise rückkoppeln.
  • Grenze: Starre Lagerungsintervalle und reine Dokumentationshäkchen belegen weder Druckentlastung noch gute Lebensqualität.
Private Angehörige

Beobachten und unterstützen, ohne Fachverantwortung zu übernehmen

  • Angehörige können Gewohnheiten, Schmerzen, Bewegungsmöglichkeiten und Veränderungen der Haut früh mitteilen.
  • Sie sollten eine persönliche Anleitung zur Bewegung, Entlastung und zum Hilfsmittel erhalten, bevor sie Aufgaben übernehmen.
  • Eine Rötung wird entlastet und beobachtet; sie wird nicht massiert oder mit beliebigen Mitteln behandelt.
  • Bei nicht wegdrückbarer Rötung, Blase, Verfärbung, offener Stelle, Fieber oder rascher Verschlechterung wird fachliche beziehungsweise medizinische Hilfe organisiert.
  • Grenze: Angehörige ersetzen weder professionelle Risikoeinschätzung noch regelmäßige Fachbeobachtung oder notwendige Versorgungskapazität.
Verantwortung sichtbar machen

Wer trägt welchen Teil – und woran ist das erkennbar?

RolleVerantwortungNachvollziehbarer Nachweis
PflegefachkraftRisiko differenziert einschätzen, Plan steuern, beraten, Entlastung koordinieren und Haut sowie Wirkung evaluieren.Aktuelle Gefährdungsbegründung, individueller Plan, Hautbefund, Evaluation und Anpassung.
Pflege- und AssistenzteamVereinbarte Bewegung und Entlastung sicher durchführen, Hautveränderungen erkennen und unverzüglich melden.Rollenbezogene Einweisung, nachvollziehbare Durchführung, Beobachtung und Rückmeldung.
Leitung und QualitätsverantwortlicheKompetenz, geeignete Hilfsmittel, Verfahrensregel, Beschaffungsweg, Wartung und Auditlernen sicherstellen.Verfügbarkeit, Qualifikationsnachweis, Funktionskontrollen, Auditbefunde und Verbesserungsplan.
Ärztliche, wundbezogene und therapeutische PartnerHautschaden differenzieren, Ursachen und Therapie klären sowie Bewegungs- und Versorgungsziele abstimmen.Auftrag, Befund, Empfehlung und geschlossener Rücklauf in den Pflegeplan.
Betroffene Person und AngehörigeZiele, Belastung, Schmerz, Schlaf und Akzeptanz einbringen und vereinbarte Eigenmöglichkeiten nutzen.Verständliche Information, Beteiligung und dokumentierte Zustimmung, Ablehnung oder Priorisierung.
Audit als Qualitätsgespräch

Drei Ebenen gemeinsam prüfen

Die Prüffragen sind eine vorbereitende Orientierung in eigener Sprache. Für ein formales Audit gelten die aktuellen DNQP-Instrumente.

FallbezogenErreicht Entlastung die gefährdete Person?
PersonalbezogenKann das Team Belastung erkennen und sicher handeln?
EinrichtungsbezogenErmöglicht die Organisation unverzügliche, kontinuierliche Prophylaxe?

Noch keine Prüfpunkte markiert.

Von Papier zu Praxis

Einführung in sechs beherrschbaren Schritten

Das Modell hält den Umbau klein genug zum Lernen und verbindlich genug zum Nachhalten.

  1. 01

    Belastungssituationen kartieren

    An realen Fällen sichtbar machen, wann Druck und Scherkräfte entstehen und wo der heutige Ablauf Lücken hat.

  2. 02

    Bewegung und Befund gemeinsam schulen

    Eigenbewegung, Transfer, Positionierung, Hautbeobachtung und Eskalation praktisch am Versorgungspunkt trainieren.

  3. 03

    Hilfsmittelweg schließen

    Auswahl, Bestellung, Lieferung, Einstellung, Wartung und Ersatz mit Zuständigkeit und Zeitgrenze festlegen.

  4. 04

    Dokumentation auf Entscheidung ausrichten

    Nicht nur Positionen zählen, sondern Gefährdung, Ziel, Reaktion, Hautbefund und notwendige Anpassung erfassen.

  5. 05

    In einem Bereich pilotieren

    Wenige gefährdete Personen eng begleiten, Hindernisse und Nebenfolgen erfassen und Verfahren nachschärfen.

  6. 06

    Audit und Hautereignisse verbinden

    Fall-, Kompetenz- und Strukturdefizite bündeln, Maßnahmen terminieren und ihre Wirkung erneut prüfen.

Häufige Kurzschlüsse

Was der Standard nicht sagt

Braucht jede gefährdete Person einen festen Zwei-Stunden-Lagerungsplan?

Nein. Zeitpunkte und Maßnahmen ergeben sich individuell aus Eigenbewegung, Belastung, Haut, Hilfsmittel, Ziel und Evaluation. Ein starres Intervall kann zu viel oder zu wenig sein.

Verhindert eine Spezialmatratze allein jeden Dekubitus?

Nein. Ein System kann Druck verteilen oder entlasten, ersetzt aber weder Bewegung, Hautbeobachtung, passende Anwendung, Beratung noch die Prüfung der Wirkung.

Soll eine gerötete Stelle massiert werden?

Nein. Reiben und Massieren können belastetes Gewebe zusätzlich schädigen. Die Stelle wird entlastet und fachlich beurteilt.

Ist jeder Dekubitus automatisch ein Pflegefehler?

Nein. Entscheidend ist, ob Risiko, Prioritäten, informierte Entscheidungen, passende Maßnahmen, Kontinuität und Evaluation fachlich nachvollziehbar waren.

Ist Hautpflege dasselbe wie Dekubitusprophylaxe?

Nein. Hautschutz kann wichtig sein, doch Kern der Dekubitusprophylaxe ist die Vermeidung beziehungsweise Verkürzung schädigender Druck- und Schereinwirkung.

Originale und Prüfstand

Quellen und redaktionelle Einordnung

Der Pflegekanzler erläutert und operationalisiert den Standard in eigener Sprache. Der vollständige, urheberrechtlich geschützte Standardtext, Kommentierungen und formale Auditinstrumente bleiben beim Herausgeber.

  1. StandardauszugDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Dekubitusprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung 2017 – Auszug
  2. AuditinstrumentDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Auditfragebogen: Patientinnen- und bewohnerbezogene Dekubitusprophylaxe
  3. HerausgeberübersichtDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Expertenstandards und Auditinstrumente
  4. MethodenpapierDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Methodisches Vorgehen zur Entwicklung, Einführung und Aktualisierung von Expertenstandards
  5. AktualisierungsmonitoringDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Jährliches Monitoring der Wissensbasis