Expertenstandards-Cockpit · DNQP

Kontinenz­förderung in der Pflege

Dieses Cockpit übersetzt Kontinenzförderung in einen würdesichernden Pflegeprozess: Harn- und Stuhlsituation getrennt und ohne Beschämung erfassen, Ressourcen und Ursachen verstehen, ein individuelles angestrebtes Kontinenzprofil vereinbaren, alltagstaugliche Maßnahmen umsetzen und Ergebnis, Haut, Teilhabe sowie Belastung gemeinsam auswerten.

FassungAktualisierung und Erweiterung 2024Offizieller StandAktuelle Fassung verfügbarGeprüft31. August 2026
Geschützte Keramikwege führen entlang regulierbarer Wasserkanäle zu einem hellen, abgeschirmten Zugang und stehen für Privatsphäre und passende Unterstützung.
KI-generierte IllustrationKontinenzförderung schafft passende Wege, Zeit und Schutz – sie reduziert Menschen nicht auf Ausscheidung oder Hilfsmittel.
Situation verstehenHarn und Stuhl differenziert erfassen

Muster, Ressourcen, Ursachen, Umwelt und persönliche Ziele ohne Beschämung einordnen.

Alltag gestaltenZugang, Unterstützung und Hilfsmittel verbinden

Ambulante und stationäre Umsetzung mit klarer Intimsphäre und Zuständigkeit planen.

Profil prüfenErgebnis und Würde gemeinsam auditieren

Fall, Kompetenz und Organisation auf echte Kontinenzförderung ausrichten.

Das Wichtigste in Kürze

Woran personenzentrierte Kontinenzförderung erkennbar wird

Schamarm und differenziert

Vier Bereiche bestimmen das individuelle Kontinenzprofil

Harn- und Stuhlkontinenz werden getrennt betrachtet. Entscheidend sind Muster, Funktion, Umwelt, Erkrankung, Medikamente, Ziele und die Frage, welche Unterstützung im Alltag tatsächlich erreichbar ist.

Ausscheidungsmuster

Häufigkeit, Drang, Menge, Zeitpunkt, nächtliche Ereignisse, Stuhlkonsistenz, Schmerzen, Restharnhinweise und Auslöser werden Harn und Stuhl getrennt erfasst.

Funktion und Kognition

Mobilität, Handfunktion, Kleidung, Wahrnehmung, Kommunikation, Gedächtnis und Fähigkeit zur rechtzeitigen Reaktion beeinflussen die Kontinenzsituation.

Gesundheit und Behandlung

Erkrankungen, Infekte, Obstipation, Medikamente, Flüssigkeit, Ernährung, Beckenboden und frühere Diagnostik können Ursachen oder Verstärker sein.

Umwelt, Hilfe und Würde

Erreichbarkeit der Toilette, Licht, Beschilderung, Hilfsmittel, Wartezeit, Sichtschutz, Scham und personelle Unterstützung entscheiden über das reale Ergebnis.

Geschlossener Pflegeprozess

Fünf Schritte von der diskreten Einschätzung zum tragfähigen Profil

Die Darstellung ist eine redaktionelle Übersetzung der aktuellen Standardlogik. Sie ersetzt nicht die Originalveröffentlichung.

  1. 01

    Kontinenzsituation diskret einschätzen

    Welches Harn- oder Stuhlproblem liegt vor, welche Ressourcen bestehen und welche Warnzeichen brauchen Abklärung?

    Zu Beginn und bei Veränderungen werden Ausscheidung, funktionelle Voraussetzungen, Umfeld und Belastung erfasst. Bei Problemen folgt eine vertiefte Einschätzung mit geeigneten Beobachtungen und gegebenenfalls Protokollen.

  2. 02

    Angestrebtes Profil und Maßnahmen planen

    Welche Form von Kontinenz oder kompensierter Inkontinenz ist realistisch, gewünscht und alltagstauglich?

    Pflegefachkraft und Person wählen ein Zielprofil und kombinieren Toilettenunterstützung, Gewohnheiten, Umwelt, Training, Hilfsmittel und interprofessionelle Klärung.

  3. 03

    Informieren, beraten und anleiten

    Versteht die Person die Möglichkeiten und kann sie vereinbarte Schritte nutzen?

    Beratung umfasst Muster, Trink- und Essverhalten, Toilette, Kleidung, Haut, Hilfsmittel, Beckenboden und Warnzeichen. Sie bleibt schamarm und berücksichtigt Kognition, Sprache und Lernfähigkeit.

  4. 04

    Maßnahmen verlässlich umsetzen

    Ist Hilfe rechtzeitig, diskret und mit passenden Mitteln verfügbar?

    Vereinbarte Toilettenzeiten, individuelle Angebote, Umgebungsanpassung, Hautschutz und Hilfsmittel werden kontinuierlich umgesetzt. Auffällige Veränderungen werden an die zuständige Fachstelle zurückgemeldet.

  5. 05

    Profil und Lebensqualität evaluieren

    Wurde das Zielprofil erreicht und verbessert sich Alltag ohne neue Belastung?

    Kontinenzereignisse, Selbstständigkeit, Haut, Schlaf, Teilhabe, Aufwand und Zufriedenheit werden ausgewertet. Ziel und Plan werden bei fehlender Wirkung oder veränderter Situation angepasst.

Maßnahmen passend kombinieren

Kontinenz ermöglichen, Kompensation passgenau begrenzen

Toilettenunterstützung, Training, Umfeld, medizinische Abklärung und Hilfsmittel werden an Ursache und Ziel angepasst. Ein aufsaugendes Produkt kann Versorgung sichern, ist aber nicht automatisch Kontinenzförderung.

Toilettenzugang ermöglichen

Kurze Wege, klare Orientierung, passende Höhe, Haltemöglichkeiten, Kleidung und rechtzeitige Hilfe reduzieren vermeidbare Barrieren.

Individuelle Toilettenunterstützung

Angebote orientieren sich an Muster, Gewohnheit, Drang und Selbstständigkeit statt an pauschalen Rundgängen.

Blasen- und Darmverhalten unterstützen

Trinken, Essen, Bewegung, Routinen und gegebenenfalls angeleitete Übungen werden ursachenbezogen und ohne pauschale Restriktion gestaltet.

Medizinische Ursachen klären

Neue oder auffällige Beschwerden, Harnverhalt, Infektzeichen, Obstipation, Medikamenteneinfluss und funktionelle Störung werden gezielt rückgekoppelt.

Hilfsmittel passgenau wählen

Aufsaugende oder ableitende Versorgung folgt Bedarf, Passform, Haut, Handhabung und Ziel; Wirkung und Nebenfolgen werden geprüft.

Haut und Intimsphäre schützen

Sanfte Reinigung, geeigneter Schutz, diskrete Entsorgung, Sichtschutz und respektvolle Kommunikation sind Teil der Ergebnisqualität.

Ein Standard, drei klar begrenzte Perspektiven

Was sich ambulant, stationär und für Angehörige unterscheidet

Die fachliche Zielsetzung bleibt gemeinsam. Verantwortung, Beobachtungszeit, Umfeld und umsetzbare nächste Schritte sind es nicht.

Ambulante Fachpraxis

Muster und Unterstützung zwischen kurzen Besuchen zusammenbringen

  • Erstbesuch nutzen, um reale Wege, Kleidung, Hilfsmittel, Gewohnheiten und verfügbare Unterstützung zu erfassen.
  • Protokolle nur so einsetzen, dass Person oder Angehörige sie verständlich und zumutbar führen können.
  • Toilettenhilfe und Materialwechsel exakt mit Auftrag, Zeitfenster und Selbsthilfemöglichkeiten abstimmen.
  • Neue Symptome und ungeeignete Produkte gezielt an Arztpraxis, Beratung oder Hilfsmittelversorgung rückmelden.
  • Grenze: Angehörige oder Nachbarn dürfen nicht als jederzeit verfügbare Toilettenhilfe vorausgesetzt werden.
Stationäre Fachpraxis

Kontinenzförderung braucht Erreichbarkeit in jeder Schicht

  • Kontinenzprofile, persönliche Zeichen und Hilfezeitpunkte in Pflegeplanung und Übergaben eindeutig führen.
  • Toilettenumgebung, Rufmöglichkeiten, Kleidung, Nachtwege und Personalreaktion gemeinsam prüfen.
  • Harn und Stuhl auch im Audit getrennt auswerten, wenn Probleme oder Maßnahmen unterschiedlich sind.
  • Produktverbrauch, Hautschäden und Wartezeiten als mögliche Systemhinweise analysieren.
  • Grenze: Routineversorgung im Bett oder mit Produkt ersetzt kein individuell geprüftes Toilettenangebot.
Private Angehörige

Unterstützen, ohne Scham oder Überwachung zu verstärken

  • Veränderungen ruhig und privat ansprechen und Muster, Schmerzen oder neue Schwierigkeiten notieren.
  • Hilfe nur mit Zustimmung leisten und Selbstständigkeit bei Weg, Kleidung und Intimpflege soweit möglich erhalten.
  • Material nach Passform, Haut, Alltag und Handhabung gemeinsam erproben statt nur nach Saugstärke zu wählen.
  • Harnverhalt, Blut, Fieber, starke Schmerzen oder plötzlich neue Inkontinenz zeitnah fachlich abklären.
  • Grenze: Flüssigkeitsentzug, Beschämung oder erzwungene Toilettengänge sind keine Kontinenzförderung.
Verantwortung sichtbar machen

Wer trägt welchen Teil – und woran ist das erkennbar?

RolleVerantwortungNachvollziehbarer Nachweis
PflegefachkraftHarn- und Stuhlsituation einschätzen, Profil und Plan steuern, beraten und Wirkung evaluieren.Differenziertes Assessment, Zielprofil, Maßnahmen, Haut- und Verlaufsevaluation.
Pflege- und AssistenzteamHilfe rechtzeitig, diskret und vereinbarungsgemäß leisten und Veränderungen melden.Bekannte Zeitpunkte und Zeichen, Durchführung, Abweichung und Rückmeldung.
Ärztliche und therapeutische PartnerUrsachen, Diagnostik, Arzneimittel, Beckenboden oder Darmmanagement im Auftrag klären.Befund, Empfehlung, Verordnung und Rücklauf in den Plan.
Leitung und QualitätsverantwortlicheIntimsphäre, Toilettenumgebung, Materialauswahl, Kompetenz und Auditlernen strukturell ermöglichen.Verfahren, Ressourcen, Schulung, Auditdaten und Verbesserungen.
Betroffene Person und AngehörigeZiele, Gewohnheiten, Belastung und Rückmeldung einbringen und vereinbarte Möglichkeiten nutzen.Beteiligung, verständliche Beratung und dokumentierte Präferenz.
Audit als Qualitätsgespräch

Drei Ebenen gemeinsam prüfen

Die Prüffragen sind eine vorbereitende Orientierung in eigener Sprache. Für ein formales Audit gelten die aktuellen DNQP-Instrumente.

FallbezogenKommt Kontinenzförderung bei der Person an?
PersonalbezogenKann das Team schamarm und differenziert handeln?
EinrichtungsbezogenErmöglicht die Organisation rechtzeitige und würdige Unterstützung?

Noch keine Prüfpunkte markiert.

Von Papier zu Praxis

Einführung in sechs beherrschbaren Schritten

Das Modell hält den Umbau klein genug zum Lernen und verbindlich genug zum Nachhalten.

  1. 01

    Sprache und Intimsphäre klären

    Gemeinsame respektvolle Begriffe, Gesprächsorte und Einwilligungsregeln als Startpunkt festlegen.

  2. 02

    Harn und Stuhl getrennt modellieren

    Assessment, Profile und Auswertung so gestalten, dass Unterschiede nicht wieder verwischt werden.

  3. 03

    Reale Wege beobachten

    An wenigen Fällen Toilette, Kleidung, Wartezeit, Hilfsmittel und Hilfeverfügbarkeit im Alltag prüfen.

  4. 04

    Kompetenz praktisch aufbauen

    Mustererfassung, Profile, Materialpassung, Hautschutz und Warnzeichen anhand realer Situationen trainieren.

  5. 05

    In einem Bereich pilotieren

    Profile und Maßnahmen mit Personrückmeldung testen und Dokumentationslast gegen Erkenntnisgewinn abgleichen.

  6. 06

    Audit als Profilvergleich nutzen

    Angestrebte und erreichte Ergebnisse mit Personal- und Strukturbedingungen verbinden und erneut prüfen.

Häufige Kurzschlüsse

Was der Standard nicht sagt

Ist eine Einlage bereits Kontinenzförderung?

Nein. Sie kann eine wichtige kompensierende Versorgung sein. Förderung fragt zusätzlich nach Ursache, Ressourcen, Toilette, Selbstständigkeit und erreichbarem Zielprofil.

Hilft weniger Trinken gegen Inkontinenz?

Pauschal nein. Zu wenig Flüssigkeit kann gesundheitliche Risiken erhöhen. Trinkmenge und medizinische Einschränkungen werden individuell geklärt.

Ist ein fester Toilettenplan für alle ausreichend?

Nein. Zeitpunkt und Unterstützung müssen zu Muster, Drang, Gewohnheit, Funktion und Ziel der einzelnen Person passen.

Betrifft der aktuelle Standard nur Harninkontinenz?

Nein. Die Aktualisierung 2024 umfasst ausdrücklich Harn- und Stuhlkontinenz und erlaubt eine differenzierte Auditbetrachtung.

Originale und Prüfstand

Quellen und redaktionelle Einordnung

Der Pflegekanzler erläutert und operationalisiert den Standard in eigener Sprache. Der vollständige, urheberrechtlich geschützte Standardtext, Kommentierungen und formale Auditinstrumente bleiben beim Herausgeber.

  1. StandardauszugDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Kontinenzförderung in der Pflege, Aktualisierung 2024 – Auszug
  2. AuditinstrumentDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Auditfragebogen: Menschen mit Kontinenzproblemen
  3. HerausgeberübersichtDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Expertenstandards und Auditinstrumente
  4. MethodenpapierDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Methodisches Vorgehen zur Entwicklung, Einführung und Aktualisierung von Expertenstandards
  5. AktualisierungsmonitoringDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Jährliches Monitoring der Wissensbasis