Expertenstandards-Cockpit · DNQP

Sturz­prophylaxe in der Pflege

Dieses Cockpit übersetzt den Standard in einen geschlossenen Arbeitsweg: Risiko nicht nur ankreuzen, sondern verstehen; Mobilität und Sicherheit gemeinsam planen; Zuständigkeiten klären; Wirkung und Akzeptanz prüfen; aus jedem Sturz lernen.

Fassung2. Aktualisierung 2022Offizieller StandAktuelle Fassung verfügbarGeprüft31. August 2026
Ein hölzerner Balanceweg führt durch ein bewegliches Modell aus Messing, Papier und Kork und steht für sichere Mobilität durch abgestimmte Maßnahmen.
KI-generierte IllustrationSichere Mobilität entsteht durch abgestimmte Wege – nicht durch pauschale Einschränkung.
Standard verstehenVom Risiko zur sicheren Mobilität

Ziel, Prozesslogik, Risikodimensionen und fachliche Grenzen kompakt erschließen.

Im Team umsetzenVerantwortung in den Alltag bringen

Ambulante und stationäre Abläufe, Rollen, Maßnahmen und Nachweise getrennt planen.

Qualität prüfenAudit mit Lernschleife vorbereiten

Fall-, Personal- und Einrichtungsebene prüfen, Lücken priorisieren und Wirkung nachverfolgen.

Das Wichtigste in Kürze

Woran gute Sturzprophylaxe erkennbar wird

Individuell statt schematisch

Vier Dimensionen, die zusammengehören

Der Standard fordert keine Jagd nach einzelnen Risikofaktoren. Entscheidend ist, wie Faktoren im Alltag dieser Person zusammenspielen und welche veränderbar sind.

Person und Mobilität

Frühere Stürze, Gang und Gleichgewicht, Kraft, Transfers, Schwindel, Sehvermögen, Kognition, Kontinenz, Schmerzen, akute Erkrankung und Angst vor erneutem Sturz werden im Zusammenhang betrachtet.

Medikamente und Kreislauf

Neue Verordnungen, Dosisänderungen, sedierende oder blutdrucksenkende Wirkungen, Polypharmazie, Hypoglykämie und orthostatische Beschwerden können das Risiko verändern und verlangen abgestimmte Rückmeldung.

Umgebung und Hilfsmittel

Wege, Licht, Boden, Schuhe, erreichbare Dinge, Bett- und Sitzhöhe, Bremsen, Gehhilfen, Toilettenweg und technische Unterstützung werden in der realen Nutzung geprüft – nicht nur auf einer Checkliste.

Situation und Teilhabe

Tageszeit, Eile, ungewohnte Abläufe, nächtlicher Harndrang, Überforderung, fehlende Hilfe und persönliche Ziele entscheiden mit. Ein risikoarmer Plan, den niemand nutzen will, ist kein tragfähiger Plan.

Geschlossener Pflegeprozess

Fünf Schritte von der Einschätzung zur Lernschleife

Die Darstellung ist eine redaktionelle Übersetzung der aktuellen Standardlogik. Sie ersetzt nicht die Originalveröffentlichung.

  1. 01

    Risiko früh erkennen und vertiefen

    Ist ein Sturzrisiko erkennbar – und wodurch entsteht es bei dieser Person?

    Zu Beginn des pflegerischen Auftrags wird systematisch geprüft, ob ein Risiko vorliegt. Kann es nicht ausgeschlossen werden, werden individuelle personen-, medikamenten- und umgebungsbezogene Faktoren vertieft. Veränderungen, neue Beschwerden und ein Sturz lösen eine erneute Einschätzung aus.

  2. 02

    Ziele und Maßnahmen gemeinsam planen

    Welche Mobilität ist der Person wichtig, welches Risiko nimmt sie bewusst in Kauf und welche Unterstützung passt?

    Pflegefachkraft, betroffene Person, gegebenenfalls Angehörige und beteiligte Berufsgruppen entwickeln einen individuellen Plan. Er verbindet Bewegungsziel, akzeptierte Unterstützung, Hilfsmittel, Umgebung, Training und medizinischen Klärungsbedarf.

  3. 03

    Informieren, schulen und beraten

    Versteht die Person ihr konkretes Risiko und kann sie die vereinbarten Möglichkeiten tatsächlich nutzen?

    Information wird nicht als Merkblatt abgehakt. Sie knüpft an Alltag, Sprache, Kognition, Sinnesfähigkeit und Entscheidungsspielraum an. Einweisungen werden praktisch erprobt; Angehörige werden nur in sichere, vereinbarte Aufgaben einbezogen.

  4. 04

    Interventionen koordiniert durchführen

    Sind Maßnahmen, Hilfsmittel und Umgebung im entscheidenden Moment verfügbar und passend?

    Pflege, Therapie, Medizin, Hilfsmittelversorgung und Umfeld werden verbunden. Maßnahmen fördern sichere Bewegung, statt Mobilität pauschal einzuschränken. Nicht umsetzbare oder abgelehnte Maßnahmen werden geklärt und nicht stillschweigend als erledigt dokumentiert.

  5. 05

    Wirkung prüfen und aus Stürzen lernen

    Hat die Unterstützung Sicherheit und Mobilität verbessert – und was muss verändert werden?

    Erfolg umfasst mehr als die reine Zahl der Stürze: Mobilität, Sicherheitsgefühl, Teilhabe, Nebenfolgen und Akzeptanz zählen mit. Jeder Sturz wird mit Situation, möglichen Ursachen und Folgen analysiert; Ergebnisse fließen in Personplan und Einrichtungslernen zurück.

Maßnahmen passend kombinieren

Nicht das Paket entscheidet, sondern der individuelle Zusammenhang

Wirksamkeit, Belastung, Präferenz und Durchführbarkeit werden gemeinsam beurteilt. Maßnahmen ohne konkrete Risikoverbindung oder Rückmeldung bleiben Aktionismus.

Bewegung, Kraft und Gleichgewicht

Individuell geeignete Bewegung und therapeutisch angeleitete Übungen können Funktionen und Vertrauen fördern. Belastung, Ziel und sichere Durchführung müssen zur Person passen.

Medikations- und Gesundheitscheck

Auffällige Müdigkeit, Schwindel, Blutdruckabfall, Unterzuckerung, akute Erkrankung oder neue Stürze werden ärztlich beziehungsweise pharmazeutisch rückgekoppelt. Medikamente werden nie eigenmächtig verändert.

Passende Hilfsmittel

Gehhilfe, Transferhilfe, Brille, Hörhilfe und Schuhe müssen ausgewählt, angepasst, erreichbar, gewartet und praktisch eingeübt sein. Das bloße Vorhandensein ist kein Wirksamkeitsnachweis.

Sichere, nutzbare Umgebung

Beleuchtung, Wege, Möbel, Boden, Haltemöglichkeiten und Toilettenzugang werden so gestaltet, dass Orientierung und selbstständige Bewegung unterstützt werden.

Geplante Unterstützung

Hilfe wird zu den tatsächlichen Risikosituationen verfügbar gemacht: etwa beim nächtlichen Toilettengang, nach Medikamentengabe, beim Transfer oder in neuen Umgebungen.

Folgen begrenzen, ohne Freiheit zu entziehen

Schutz vor Verletzungen, Osteoporosebehandlung und ein klarer Ablauf nach einem Sturz können Folgen mindern. Bettgitter, Fixierung oder pauschales Sitzenlassen sind keine reguläre Sturzprophylaxe.

Ein Standard, drei klar begrenzte Perspektiven

Was sich ambulant, stationär und für Angehörige unterscheidet

Die fachliche Zielsetzung bleibt gemeinsam. Verantwortung, Beobachtungszeit, Umfeld und umsetzbare nächste Schritte sind es nicht.

Ambulante Fachpraxis

Zwischen kurzen Einsätzen muss der Plan weiter funktionieren

  • Beim Erstbesuch und bei Auftragsänderung die reale Häuslichkeit, gewohnte Wege, Eigenanteile und Unterstützung zwischen Einsätzen erfassen.
  • Beobachtungen aus Hausbesuch, Angehörigenrückmeldung, Therapie und ärztlicher Behandlung in einen erreichbaren Rückmeldeweg bündeln.
  • Maßnahmen so planen, dass Zuständigkeit, Material, Hilfsmittel und Hilfe auch außerhalb der Einsatzzeit geklärt sind.
  • Nach einem Sturz Akutgrenze, Versorgung, Dokumentation, ärztliche Rückmeldung und erneute Risikoeinschätzung geschlossen organisieren.
  • Grenze: Der ambulante Dienst kann Risiken in der privaten Wohnung nicht allein kontrollieren und darf familiäre Dauerverfügbarkeit nicht voraussetzen.
Stationäre Fachpraxis

Kontinuierliche Beobachtung braucht einen gemeinsamen Teamprozess

  • Aufnahme, Übergaben, Pflegeplanung und relevante Veränderungen so verbinden, dass aktuelle Risiken jeder Schicht bekannt sind.
  • Persönliche Mobilitätsziele, Tagesform und bevorzugte Hilfe in Teamabsprachen und Alltagsgestaltung übersetzen.
  • Umgebung, technische Ausstattung, Rufsysteme und zielgruppenspezifische Bewegungsangebote auf Einrichtungs- und Wohnbereichsebene sichern.
  • Stürze zeitnah analysieren, Muster über Ort, Zeit, Umstände und Folgen erkennen und Veränderungen sichtbar zurückmelden.
  • Grenze: Eine niedrige Sturzquote allein belegt keine gute Qualität, wenn Menschen dafür immobilisiert oder in ihrer Freiheit eingeschränkt werden.
Private Angehörige

Beteiligt sein, ohne professionelle Verantwortung zu übernehmen

  • Angehörige können Gewohnheiten, frühere Stürze, auffällige Situationen und alltagstaugliche Ziele einbringen.
  • Sie sollten eine verständliche Erklärung des individuellen Risikos, der vereinbarten Maßnahmen und des Vorgehens nach einem Sturz erhalten.
  • Praktische Hilfe oder Hilfsmittel werden nur nach persönlicher Einweisung und innerhalb eigener Kraft- und Kompetenzgrenzen übernommen.
  • Neue Schwäche, Schwindel, Benommenheit, Kopfaufprall, starke Schmerzen oder Bewegungsunfähigkeit verlangen passende fachliche beziehungsweise akute Hilfe.
  • Grenze: Angehörige sind weder für das professionelle Assessment noch für die dauerhafte Überwachung oder die Kompensation fehlender Organisationsstrukturen verantwortlich.
Verantwortung sichtbar machen

Wer trägt welchen Teil – und woran ist das erkennbar?

RolleVerantwortungNachvollziehbarer Nachweis
PflegefachkraftRisiko fachlich einschätzen, Prozess steuern, beteiligen, Maßnahmen koordinieren, evaluieren und nach Sturz neu bewerten.Aktuelle Einschätzung, individueller Plan, Beratung, Evaluation und nachvollziehbare Anpassung.
Pflege- und BetreuungsteamVereinbarte Unterstützung situationsgerecht durchführen, Veränderungen beobachten und zuverlässig zurückmelden.Bekannte Maßnahmen, konkrete Übergaben, Rückmeldungen und dokumentierte Abweichungen.
Leitung und QualitätsverantwortlicheVerfahrensregel, Kompetenz, Angebote, sichere Umgebung, Hilfsmittel, Analysezeit und Lernschleifen ermöglichen.Geltendes Verfahren, Schulungs- und Ressourcenplanung, Auditbefunde und umgesetzte Verbesserungen.
Ärztliche, therapeutische und weitere PartnerMedizinische Ursachen, Medikation, Funktion, Training und Hilfsmittel im jeweiligen Auftrag abklären und rückmelden.Konkreter Auftrag, Befund beziehungsweise Empfehlung und geschlossener Informationsrücklauf.
Mensch mit Sturzrisiko und AngehörigeZiele, Erfahrungen, Akzeptanz und Beobachtungen einbringen; vereinbarte Möglichkeiten selbstbestimmt nutzen.Nachvollziehbare Beteiligung, verständliche Information und dokumentierte Zustimmung oder Ablehnung.
Audit als Qualitätsgespräch

Drei Ebenen gemeinsam prüfen

Die Prüffragen sind eine vorbereitende Orientierung in eigener Sprache. Für ein formales Audit gelten die aktuellen DNQP-Instrumente.

FallbezogenKommt der Standard bei der einzelnen Person an?
PersonalbezogenKann das Team fachlich sicher handeln?
EinrichtungsbezogenTrägt die Organisation den Prozess?

Noch keine Prüfpunkte markiert.

Von Papier zu Praxis

Einführung in sechs beherrschbaren Schritten

Das Modell hält den Umbau klein genug zum Lernen und verbindlich genug zum Nachhalten.

  1. 01

    Auftrag und Geltungsbereich klären

    Versorgungsbereich, betroffene Teams, Schnittstellen und aktuelle Fassung festlegen. Eine verantwortliche Person koordiniert, ohne die Fachverantwortung des Teams zu ersetzen.

  2. 02

    Ist-Prozess sichtbar machen

    An wenigen realen Fällen prüfen, wie Einschätzung, Planung, Beratung, Durchführung, Sturzmeldung und Evaluation heute tatsächlich laufen.

  3. 03

    Lücken nach Risiko priorisieren

    Nicht jede Formulierung gleichzeitig ändern. Zuerst Lücken bearbeiten, die sichere Mobilität, Informationsfluss oder zeitnahe Reaktion gefährden.

  4. 04

    Verfahren und Kompetenzen verbinden

    Verfahrensregel, Dokumentation, Schulung, Hilfsmittel, Umfeld und Rückmeldewege als ein System gestalten und an konkreten Fällen üben.

  5. 05

    Klein pilotieren und nachsteuern

    In einem überschaubaren Bereich starten, Hindernisse und unerwünschte Nebenfolgen erfassen und den Ablauf vor der breiteren Einführung anpassen.

  6. 06

    Audit als Lernschleife nutzen

    Fall-, Personal- und Einrichtungsebene zusammenführen, wenige Maßnahmen mit Verantwortlichen und Terminen festlegen und ihre Wirkung erneut prüfen.

Häufige Kurzschlüsse

Was der Standard nicht sagt

Muss jeder Mensch einen Sturzrisiko-Score erhalten?

Nein. Entscheidend ist eine systematische fachliche Einschätzung. Ein Instrument kann unterstützen, bildet aber individuelle Ursachen, Veränderungen und Entscheidungen nicht vollständig ab.

Ist jeder Sturz ein Pflegefehler?

Nein. Stürze lassen sich nicht vollständig verhindern. Qualitätsrelevant ist, ob Risiken rechtzeitig erkannt, passende und akzeptierte Maßnahmen angeboten, Veränderungen beachtet und Stürze sorgfältig analysiert wurden.

Beweist eine niedrige Sturzrate gute Pflege?

Nicht für sich allein. Sie muss zusammen mit Mobilität, Teilhabe, Fallmix, Erfassungsqualität und möglichen freiheitseinschränkenden Nebenfolgen betrachtet werden.

Sind Bettgitter eine einfache Lösung?

Nein. Sie können Freiheit einschränken und neue Risiken erzeugen. Schutzmaßnahmen müssen individuell begründet, rechtlich geklärt, verhältnismäßig und eng evaluiert werden.

Reicht eine jährliche Schulung für die Umsetzung?

Nein. Wissen muss in Verfahren, Zuständigkeiten, Hilfsmittel, Umgebung, Übergaben, Fallarbeit und Evaluation wirksam werden. Fortbildung ist ein Baustein, kein Implementierungsnachweis.

Originale und Prüfstand

Quellen und redaktionelle Einordnung

Der Pflegekanzler erläutert und operationalisiert den Standard in eigener Sprache. Der vollständige, urheberrechtlich geschützte Standardtext, Kommentierungen und formale Auditinstrumente bleiben beim Herausgeber.

  1. StandardauszugDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Sturzprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung 2022 – Auszug
  2. AuditinstrumentDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Auditfragebogen: Mensch mit Sturzrisiko
  3. AuditinstrumentDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Auditfragebogen: einrichtungsbezogenes Audit
  4. PraxisprojektDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Praxisprojekt Sturzprophylaxe: Indikatoren und Kennzahlen
  5. MethodenpapierDeutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP)Methodisches Vorgehen zur Entwicklung, Einführung und Aktualisierung von Expertenstandards
  6. PatienteninformationBundesinstitut für Öffentliche GesundheitStürze bei älteren Menschen