Aktueller Bereich: Sepsis, Schlaganfall, akutes Koronarsyndrom und schwere Atemnot
CE 06 · Vollständiges Lernmodul

Sepsis, Schlaganfall, akutes Koronarsyndrom und schwere Atemnot

Wie erkennt Pflege ein zeitkritisches Muster, ohne eine Diagnose vorzutäuschen, und bringt die entscheidenden Informationen ohne Verzögerung in den Akutweg?

Lernziele

Was du anschließend erklären und anwenden kannst

  1. Sie erkennen typische und atypische Hinweise auf Sepsis, Schlaganfall, akutes Koronarsyndrom und schwere Atemstörung.
  2. Sie wenden FAST als niedrigschwellige Schlaganfallprüfung an und kennen seine Grenzen.
  3. Sie verbinden Symptome, Vitalwerte, Ausgangszustand, Verlauf und klinischen Eindruck statt einzelne Zahlen zu behandeln.
  4. Sie versorgen eine vermutete Hypoglykämie sicher und vermeiden orale Gabe bei fehlender Schluckfähigkeit.
  5. Sie beurteilen Bewusstseinsstörung und akuten Bauchschmerz ABCDE-orientiert und erkennen sofortige Eskalationszeichen.
  6. Sie erfassen Symptombeginn beziehungsweise zuletzt sicher symptomfreien Zeitpunkt als entscheidende Behandlungsinformation.
  7. Sie nutzen lokale Early-Warning-Systeme als Unterstützung, nicht als Ersatz für klinische Sorge.
  8. Sie übergeben mit SBAR knapp, konkret und handlungsorientiert und fordern bei Bedarf eine klare Rückmeldung ein.
Begriffe mit Bedeutung

Die Lerngegenstände konkret erklärt

Jeder Begriff wird mit seiner Bedeutung für Beobachtung, Entscheidung und Pflege verbunden.

Sepsisverdacht

Sepsis ist eine lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlregulierten Reaktion auf Infektion. Pflege denkt bei vermuteter oder bekannter Infektion an Sepsis, wenn sich Allgemeinzustand, Bewusstsein, Atmung, Kreislauf, Haut oder Ausscheidung akut verändern. Warnzeichen sind unter anderem neue Verwirrtheit, hohe oder niedrige Temperatur, schnelle Atmung, Hypotonie, Tachykardie, marmorierte Haut, geringe Urinmenge und deutliche Schwäche. Ältere oder immunsupprimierte Menschen können ohne Fieber schwer krank sein. Ein Score allein schließt Sepsis weder ein noch aus. Der Verdacht wird früh als solcher benannt, ein Akutweg aktiviert und Verlauf samt möglichem Infektionsfokus übergeben. Diagnostik und Therapie dürfen nicht auf perfekte Gewissheit warten.

PraxistransferFormuliere aus Infektionshinweis, Organveränderung, Vitaltrend und Ausgangszustand eine eindeutige Sepsisverdachtsmeldung.

FAST

FAST prüft Face, Arms, Speech und Time: asymmetrisches Lächeln, Absinken oder Schwäche eines Arms, veränderte Sprache beziehungsweise Sprachverständnis und sofortige Zeitangabe. Schon ein auffälliger Punkt begründet den Schlaganfallverdacht und den Notruf 112 beziehungsweise innerklinischen Stroke-Alarm. Zeitpunkt des Symptombeginns oder zuletzt sicher symptomfreier Zeitpunkt wird exakt erfragt. FAST erfasst nicht alle Schlaganfälle. Plötzliche Sehstörung, Doppelbilder, starke Gleichgewichts- oder Koordinationsstörung, einseitige Sensibilitätsstörung oder sehr starker ungewohnter Kopfschmerz können ebenfalls akut neurologisch sein. Symptome, die sich rasch zurückbilden, sind keine Entwarnung; auch eine TIA benötigt sofortige fachliche Beurteilung. Essen, Trinken und orale Medikamente warten bis zur Schluckbeurteilung.

PraxistransferFühre FAST durch, ergänze nicht erfasste neurologische Zeichen und dokumentiere Last-known-well ohne unklare Formulierungen.

Brustschmerz

Akutes Koronarsyndrom kann sich als Druck, Enge, Brennen oder Schmerz im Brustkorb mit Ausstrahlung, Atemnot, Übelkeit, Kaltschweißigkeit, Schwäche oder Synkope zeigen. Beschwerden können bei Frauen, älteren Menschen und Personen mit Diabetes atypisch oder wenig schmerzhaft sein. Pflege lässt die Person körperlich ruhen, beurteilt ABCDE, alarmiert bei Verdacht sofort 112 beziehungsweise den internen Akutweg und sorgt für AED-Bereitschaft. Ein unauffälliger erster Eindruck oder ein einzelnes EKG schließt ein ACS nicht pflegerisch aus. Eigene Arzneimittelentscheidungen werden vermieden; bei bekannter Angina kann nach eindeutigem individuellen Plan bei der Bedarfsmedikation unterstützt werden. Eine Besserung darf den erforderlichen Notruf bei neuem instabilem Muster nicht aufheben.

PraxistransferÜbe eine Brustschmerzanamnese mit Beginn, Qualität, Ausstrahlung, Begleitsymptomen, Vitaltrend und bisheriger Medikation.

Dyspnoe

Dyspnoe ist subjektive Atemnot und kann durch Atemwegs-, Lungen-, Herz-, Kreislauf-, Stoffwechsel- oder psychische Ursachen entstehen. Pflege prüft Atemweg, Atemfrequenz, Sprechfähigkeit, Atemarbeit, Hautfarbe, Bewusstsein, Kreislauf und Sättigung im Kontext. Die Person erhält eine atemerleichternde selbstgewählte Position, enge Kleidung wird gelockert und Ruhe vermittelt. Sauerstoff wird bei vitaler Bedrohung beziehungsweise nach Zielbereich und lokalem Standard angewendet; eine Zahl allein ersetzt keine klinische Beurteilung. Sprechdyspnoe, Zyanose, Stridor, fehlendes Atemgeräusch, Erschöpfung, Bewusstseinsänderung oder Kreislaufinstabilität verlangen sofortige Hilfe. Rückatmung in eine Tüte ist gefährlich, weil eine organische Ursache übersehen werden kann. Verordnete Inhalation wird nur genutzt, wenn sie den Akutweg nicht verzögert.

PraxistransferBeschreibe Atemnot mit Frequenz, Sprechfähigkeit, Atemarbeit, Haut, Bewusstsein, Sättigungsbedingungen und Verlauf.

Hypoglykämie

Hypoglykämie kann Zittern, Schwitzen, Hunger, Herzklopfen, Verhaltensänderung, Konzentrationsstörung, Verwirrtheit, Krampf oder Bewusstlosigkeit verursachen. Bei Diabetes oder chronischer Unterernährung wird bei plötzlicher Veränderung früh gemessen, ohne die Behandlung bei typischer schwerer Symptomatik unnötig zu verzögern. Ist die Person wach und kann sicher schlucken, empfiehlt GRC 2025 oral etwa 15 bis 20 Gramm Glukose beziehungsweise schnell wirksame Kohlenhydrate; nach etwa 15 Minuten werden Symptome und wenn möglich Wert erneut geprüft. Bessert sich der Zustand nicht, wird erneut behandelt und Hilfe organisiert. Bei fehlender Reaktion oder unsicherem Schlucken wird nichts oral gegeben; 112 wird alarmiert. Verordnetes Glukagon wird durch geschulte Personen nach individuellem Plan angewendet.

PraxistransferTrainiere die Entscheidung orale Glukose oder kein oraler Inhalt anhand von Bewusstsein und sicherer Schluckfähigkeit.

Bewusstseinsstörung

Bewusstseinsstörung reicht von neuer Verlangsamung und Verwirrtheit bis zur fehlenden Reaktion. Ursachen sind vielfältig: Hypoxie, Kreislaufproblem, Schlaganfall, Hypoglykämie, Krampfnachphase, Sepsis, Intoxikation, Trauma oder Arzneimittel. Pflege sichert Eigenschutz, prüft Reaktion, Atemweg und normale Atmung und alarmiert früh. Bei fehlender normaler Atmung beginnt Reanimation. Bei normaler Atmung werden Atemweg und sichere Position gewährleistet, Vitalfunktionen fortlaufend beobachtet und reversible Hinweise wie Glukose, Trauma oder Substanzen nach Standard geprüft. Die Person erhält nichts zu trinken oder einzunehmen. Der Ausgangszustand ist wichtig: Eine plötzlich ruhigere demenziell erkrankte Person kann akut schwer krank sein. GCS oder AVPU unterstützen die Beschreibung, ersetzen aber nicht ABCDE und Verlauf.

PraxistransferBeschreibe Bewusstseinsänderung mit Reaktion auf Ansprache und Schmerzreiz, Atmung, Pupillen, Motorik, Glukose und Ausgangszustand.

Akutes Abdomen

Akutes Abdomen bezeichnet ein möglicherweise zeitkritisches Muster aus starken oder zunehmenden Bauchschmerzen, Abwehrspannung, Kreislaufveränderung, Erbrechen, Blutung, geblähtem Bauch oder gestörter Ausscheidung. Pflege fragt nach Beginn, Ort, Ausstrahlung, Charakter, Verlauf, letzter Mahlzeit, Stuhl, Urin, Erbrechen, Schwangerschaftsmöglichkeit, Operationen und Medikamenten wie Antikoagulanzien. Ältere oder immunsupprimierte Menschen können trotz schwerer Ursache wenig Schmerz oder Fieber zeigen. Die Person wird nicht zum Essen oder Trinken gedrängt und erhält keine eigenmächtige Abführ- oder Schmerztherapie; eindeutig angeordnete Analgesie darf dagegen eine notwendige Beurteilung nicht grundsätzlich vorenthalten. Synkope, Schockzeichen, Blut, harter Bauch oder rasche Verschlechterung aktivieren sofort den Akutweg.

PraxistransferErstelle eine strukturierte Bauchschmerzanamnese und trenne Warnzeichen von Angaben, die nachrangig erhoben werden können.

Zeitfenster

Bei zeitkritischen Erkrankungen beeinflusst Zeit die Behandlungsoption. Entscheidend ist nicht nur wann jemand gefunden wurde, sondern wann Symptome begannen oder wann die Person zuletzt sicher ohne sie gesehen wurde. Bei Schlaganfall wird Last-known-well minutengenau dokumentiert; bei Brustschmerz, Sepsis, Dyspnoe, Hypoglykämie und akutem Abdomen werden Beginn, Veränderung und Maßnahmen auf einer Zeitachse erfasst. Unbekannte Zeiten werden als unbekannt gekennzeichnet, nicht geschätzt, um Lücken zu füllen. Medikationszeiten, Antikoagulation, Insulin, letzte Nahrungsaufnahme und relevante Ereignisse können wichtig sein. Die Informationssammlung läuft parallel zur Alarmierung und darf den Transport beziehungsweise die Akutdiagnostik nicht verzögern.

PraxistransferRekonstruiere aus Zeugenaussagen eine Zeitachse und markiere sicher, geschätzt und unbekannt getrennt.

SBAR

SBAR strukturiert Situation, Background, Assessment und Recommendation. Situation nennt Person, Ort, aktuelles Problem und Dringlichkeit. Background fasst relevante Diagnose, Eingriff, Infektion, Arzneimittel, Ausgangszustand und Symptombeginn zusammen. Assessment beschreibt konkrete Befunde und Trend, ohne eine ungesicherte Diagnose als Tatsache auszugeben. Recommendation formuliert, was jetzt benötigt wird: sofortige Beurteilung, Notfallteam, konkrete Anordnung oder Transport. Eine gute Übergabe beginnt mit der vitalen Gefahr und verliert sich nicht in vollständiger Biografie. Die empfangende Person bestätigt Auftrag und erwartete Zeit. Bleibt eine angemessene Reaktion aus oder verschlechtert sich der Zustand, wird der nächste Eskalationsweg genutzt. SBAR ergänzt, aber ersetzt nicht den Notruf bei unmittelbarer Bedrohung.

PraxistransferFormuliere eine 30-sekündige SBAR-Meldung mit Dringlichkeit, drei Kernbefunden, Beginn und konkreter Erwartung.
Wissensbaustein

Zeitkritische Muster werden erkannt, bevor die Diagnose gesichert ist

Pflege beobachtet näher und kontinuierlicher als viele andere Beteiligte und erkennt dadurch oft die erste Abweichung. Ihre Aufgabe ist nicht, Sepsis, Schlaganfall oder Herzinfarkt abschließend zu diagnostizieren. Sie benennt das verdächtige Muster, erhebt relevante Befunde, beginnt sichere Basismaßnahmen und sorgt für sofortige Beurteilung. Formulierungen wie Verdacht auf Schlaganfall bei neuem hängendem Mundwinkel, Armschwäche und Sprachstörung seit 14:20 Uhr sind präziser als eine definitive Diagnose oder ein vages wirkt komisch. Unsicherheit darf ausdrücklich benannt werden, Dringlichkeit dennoch klar sein.

Mustererkennung verbindet Symptom, Geschwindigkeit, Ausgangszustand und Organfunktion. Fieber allein ist keine Sepsis, aber Infektionsverdacht plus neue Verwirrtheit, Tachypnoe und Hypotonie ist hoch relevant. Brustschmerz allein hat viele Ursachen, aber Druck mit Kaltschweißigkeit und Synkope verlangt sofortigen ACS-Akutweg. FAST kann Schlaganfall anzeigen, aber ein negativer FAST schließt hintere Kreislaufstörungen nicht aus. Klinische Sorge bleibt ein legitimer Eskalationsgrund, auch wenn ein Score noch niedrig oder ein Messwert scheinbar normal ist.

Das muss sitzen
  • Pflege meldet Muster und Befunde statt ungesicherte Gewissheit.
  • Ausgangszustand und Veränderungstempo bestimmen Dringlichkeit.
  • Ein negativer Einzeltest kann die klinische Sorge nicht pauschal aufheben.
Wissensbaustein

ABCDE und Trend verhindern die Fixierung auf ein Einzelsymptom

ABCDE priorisiert Atemweg, Atmung, Kreislauf, Neurologie sowie vollständige Untersuchung und Umgebung. Es sorgt dafür, dass bei Bauchschmerz eine Atemstörung, bei Verwirrtheit eine Hypoglykämie oder bei Brustschmerz ein Kreislaufstillstand nicht übersehen wird. Lebensbedrohliche Probleme werden behandelt, sobald sie gefunden sind; danach beginnt die Beurteilung erneut. Vitalzeichen werden vollständig und plausibel erhoben, aber nicht ohne klinischen Kontext. Ein normaler Blutdruck kann frühe Kompensation verdecken, eine normale Sättigung schwere Atemarbeit nicht erklären und fehlendes Fieber Sepsis nicht ausschließen.

Trend bedeutet, dass Werte und Eindruck in vergleichbaren Abständen und nach Interventionen erneut erfasst werden. Lokale Early-Warning-Systeme wie NEWS2 können Verschlechterung standardisieren und Eskalationsschwellen festlegen. Sie funktionieren nur bei korrekter Messung und dürfen nicht als Beruhigung dienen, wenn die Person offenkundig schlechter ist. Besonderheiten wie chronisch niedrige Sättigung, Schwangerschaft, Kinderalter oder Therapiebegrenzung benötigen passende Instrumente und klinische Einordnung. Die Dokumentation zeigt Zeit, Sauerstoffgabe, Position, Messbedingungen und Wirkung, damit der Verlauf nachvollziehbar bleibt.

Das muss sitzen
  • ABCDE behandelt Lebensgefahr in Reihenfolge ihres Risikos.
  • Vitalzeichen ergänzen und ersetzen nicht den klinischen Eindruck.
  • Scores unterstützen eine geregelte Eskalation, besitzen aber Grenzen.
Wissensbaustein

Der Zeitpunkt des Beginns ist selbst eine Intervention

Bei Schlaganfall hängen Reperfusionsoptionen wesentlich vom Zeitverlauf und von Bildgebung ab. Deshalb wird gefragt: Wann wurde die Person zuletzt sicher ohne die aktuellen Symptome gesehen? Erwachte jemand bereits mit Symptomen, ist nicht die Aufwachzeit automatisch der Beginn, sondern die letzte sichere Symptomfreiheit wird dokumentiert. Zeug*innen werden gezielt befragt, Telefonnummern gesichert und widersprüchliche Angaben gekennzeichnet. Diese Erhebung läuft parallel zum Notruf. Weder Hausarzttermin noch eigener Transport dürfen den Rettungsweg bei akutem Schlaganfallverdacht verzögern.

Auch bei anderen Erkrankungen macht eine Zeitachse die Dynamik sichtbar: schlagartiger Thoraxschmerz, rasch zunehmende Atemnot, seit Stunden geringe Ausscheidung oder wiederholte Hypoglykämie nach Insulin. Maßnahmen erhalten ebenfalls Zeitstempel, weil ihre Wirkung danach beurteilt wird. Unbekannt ist eine zulässige Angabe. Eine scheinpräzise erfundene Uhrzeit kann gefährlicher sein als eine dokumentierte Unsicherheit. Ein Teammitglied übernimmt bei komplexen Verläufen die Zeitdokumentation, während die Versorgung weiterläuft.

Das muss sitzen
  • Last-known-well ist nicht immer identisch mit Entdeckungszeit.
  • Zeiterhebung läuft parallel zur Alarmierung.
  • Unbekannte Angaben werden nicht durch Vermutung ersetzt.
Wissensbaustein

Erste Maßnahmen stabilisieren, ohne Diagnostik und Transport zu verzögern

Die sichere Basis ist oft einfach: körperliche Ruhe bei Brustschmerz, atemerleichternde Position bei Dyspnoe, Atemwegsschutz bei Bewusstseinsstörung, schnell wirksame orale Glukose nur bei sicherem Schlucken, Wärmeerhalt und fortlaufende Beobachtung. Sauerstoff, Inhalation, Glukagon oder andere Medikamente folgen Indikation, Zielbereich, Kompetenz und lokalem Standard. Ein bekanntes Bedarfsmedikament kann unterstützt werden, wenn der individuelle Plan eindeutig ist; es ersetzt bei neuem instabilem Muster nicht die Alarmierung. Nahrung, Getränke oder orale Arzneimittel werden bei Schlaganfallverdacht und eingeschränktem Bewusstsein vermieden.

Häufiger Schaden entsteht durch gut gemeinte Verzögerung: erst den Hausarzt anrufen, Person selbst fahren, lange duschen lassen, wiederholt Blutdruck messen, bevor Hilfe gerufen wird, oder eine vollständige Akte suchen. Pflege fragt bei jeder Handlung, ob sie in der nächsten Minute Prognose verbessert oder den definitiven Weg verzögert. Notruf, Monitoring und Transportvorbereitung laufen parallel. Angehörige erhalten konkrete Aufgaben wie Medikamentenplan und Versichertenkarte holen, während die Person nicht allein bleibt. Verändert sich der Zustand, wird der Rettungsleitstelle beziehungsweise dem Akutteam erneut berichtet.

Das muss sitzen
  • Basismaßnahmen richten sich an beobachtete Lebensgefahr.
  • Medikamente benötigen Plan, Kompetenz und Re-Evaluation.
  • Informationssuche darf Alarmierung und Transport nicht verzögern.
Wissensbaustein

SBAR macht aus Sorge einen klaren Handlungsauftrag

Eine wirksame Akutmeldung beginnt mit der Situation: Ich brauche sofortige ärztliche Beurteilung bei neuer Bewusstseinsstörung und Hypotonie. Danach folgen nur relevante Hintergründe, konkrete Befunde, Verlauf und die erwartete Handlung. Werte werden mit Einheit, Zeitpunkt und Bedingungen genannt. Statt Sättigung ist 88 Prozent unter zwei Litern Sauerstoff, zuvor 94 Prozent ohne Sauerstoff handlungsfähiger. Die eigene Einschätzung darf als Verdacht formuliert werden. Am Ende wird geklärt, wer kommt, was bis dahin geschieht und wann erneut gemeldet werden soll.

Eskalation ist ein Prozess, kein einmaliger Anruf. Wenn die Rückmeldung nicht zur Dringlichkeit passt, Befunde sich verschlechtern oder niemand erscheint, wird der festgelegte nächsthöhere Weg genutzt. Closed-Loop-Kommunikation sichert Aufträge: Name, Aufgabe, Wiederholung und Abschluss. Im Rettungsdienstübergang werden Symptombeginn, Ausgangszustand, Antikoagulation, Allergien, relevante Medikamente und Reaktion auf Maßnahmen priorisiert. Umfangreiche Unterlagen werden mitgegeben, ersetzen aber nicht die mündliche Kernübergabe.

Das muss sitzen
  • Die erste Aussage nennt Problem und Dringlichkeit.
  • Am Ende steht ein bestätigter Auftrag oder eine klare Erwartung.
  • Verschlechterung aktiviert erneute beziehungsweise höhere Eskalation.
Wissensbaustein

Akutkompetenz entsteht durch wiederholte Szenarien und klare Grenzen

Wissen über FAST, Sepsiszeichen oder Hypoglykämie reicht nicht, wenn es unter Stress nicht abrufbar ist. Szenarientraining verbindet Erkennen, Notruf, ABCDE, Messung, SBAR und Teamrollen. Fälle sollten atypische Verläufe enthalten: hypoaktives Delir statt Fieber bei Sepsis, Atemnot statt Schmerz beim ACS, negativer FAST trotz plötzlicher Doppelbilder. Feedback bezieht sich auf beobachtbares Verhalten und Zeit bis zur Eskalation. Die Lernenden benennen vorab, welche Medikamente oder Geräte sie selbst anwenden dürfen und wann sie Anleitung benötigen.

Grenzen schützen vor Scheinsicherheit. Ein Online-Modul ersetzt weder zertifiziertes Notfalltraining noch lokale Einweisung. Leitlinien ändern sich, und Einrichtungen haben konkrete Alarmnummern, Geräte und Kompetenzregeln. Deshalb wird jeder Lerntransfer am Einsatzort überprüft: Wo ist der Notfallknopf, welches Early-Warning-System gilt, wer darf Glukagon geben, wie wird der Stroke-Alarm ausgelöst? Nach realen Ereignissen wird nicht nur persönliches Verhalten, sondern auch Erreichbarkeit, Material, Staffing und Kommunikationssystem betrachtet.

Das muss sitzen
  • Szenarien trainieren Handlung und Kommunikation, nicht nur Begriffe.
  • Atypische Verläufe verhindern schematische Sicherheit.
  • Lokale Alarmwege und Kompetenzregeln müssen praktisch bekannt sein.
Nicht jede Situation ist gleich

Alter, Lebenslage und Setting verändern die Pflege

Kinder und Jugendliche

Vitalbereiche, Krankheitsmuster und Kompensation unterscheiden sich nach Alter. Kinder können lange kompensieren und dann rasch dekompensieren. Sepsis, Atemnot, Hypoglykämie und Bewusstseinsstörung benötigen pädiatrische Instrumente und Dosierungen. Sorgeberechtigte liefern wichtigen Ausgangszustand, die direkte altersgerechte Ansprache bleibt bestehen. Ein auffälliges Kind wird nicht allein wegen eines Erwachsenen-Scores beruhigt.

Ältere und kognitiv beeinträchtigte Menschen

Sepsis, ACS und Abdomen können ohne typische Schmerzen oder Fieber auftreten. Neue Verwirrtheit, Rückzug, Sturz, Inkontinenz oder Funktionsverlust können erste Zeichen sein. Ausgangskognition und Alltagsfunktion werden erfragt. Eine Demenzdiagnose erklärt keine akute Verschlechterung. Therapieziel und Patientenverfügung werden berücksichtigt, dürfen aber nicht aus bloßer Vermutung eine notwendige Beurteilung ersetzen.

Häusliche und ambulante Versorgung

Hier ist 112 meist der richtige Akutweg; eigener Transport oder Warten auf den nächsten Besuch kann gefährlich verzögern. Genaue Adresse, Zugang, Medikamentenplan, Antikoagulation, Insulin und Last-known-well werden vorbereitet. Die Person bleibt überwacht. Angehörige erhalten klare Aufgaben. Telefone von Gift- oder Beratungsstellen ersetzen bei vitaler Bedrohung nicht den Rettungsdienst.

Klinik und stationäre Einrichtung

Interne Akutteams, Stroke- oder Sepsiswege und Early-Warning-Systeme ergänzen ABCDE. Pflege meldet Trend und klinische Sorge auch unterhalb einer formalen Schwelle. Blutentnahme, EKG oder Zugang werden nur parallel durchgeführt, wenn dies den zuständigen Akutweg nicht verzögert und die Kompetenz vorliegt. Übergabe und Transporte enthalten offene Überwachung sowie klare Zuständigkeit.

Fallverstehen

Vom Hinweis zum begründeten Vorgehen

Durchgearbeiteter Fall

Nur etwas ruhiger als sonst

Frau Dahms, 84 Jahre, lebt mit Demenz in einer stationären Einrichtung. Seit dem Morgen ist sie ungewöhnlich ruhig, hat kaum gegessen und zweimal eingenässt. Die Temperatur beträgt 37,4 °C. Am Nachmittag atmet sie 26-mal pro Minute, der Blutdruck ist von üblich 145 systolisch auf 98 gesunken, der Puls liegt bei 112, die Haut wirkt marmoriert. Eine Kollegin möchte wegen fehlenden Fiebers bis zur Visite am nächsten Morgen warten.

  1. Neue Bewusstseins- und Funktionsveränderung, Tachypnoe, Hypotonie, Tachykardie und marmorierte Haut zeigen mögliche Organdysfunktion; fehlendes Fieber schließt Sepsis nicht aus.
  2. Frau Dahms wird ABCDE-orientiert beurteilt, der interne Akutweg beziehungsweise Rettungsdienst ohne Warten aktiviert und nicht allein gelassen.
  3. Mögliche Infektionshinweise, Ausscheidung, Trinkmenge, Ausgangskognition, Vitaltrend und Medikamente werden strukturiert übergeben.
  4. Lokaler Score kann die Eskalation unterstützen, aber die deutliche klinische Veränderung reicht bereits als Sorgegrund.
  5. Maßnahmen, Reaktion und Zeitpunkte werden dokumentiert; die Tochter wird über den vorgesehenen Verantwortungsweg informiert.
Auflösung

Das Team meldet einen Sepsisverdacht mit konkreter Organveränderung und Vitaltrend. Frau Dahms wird akut weiterbehandelt. Der Fall zeigt, dass ein unauffälliger Temperaturwert bei älteren Menschen keine Entwarnung ist.

Durchgearbeiteter Fall

Sprachstörung, die wieder besser wird

Herr Lenz lässt beim Frühstück die Tasse fallen. Sein rechter Mundwinkel hängt, der rechte Arm sinkt ab und die Sprache ist verwaschen. Fünf Minuten später spricht er wieder verständlicher und möchte keinen Rettungswagen. Seine Ehefrau sagt, um 07:10 Uhr sei noch alles normal gewesen; um 07:35 Uhr habe sie die Veränderung bemerkt. Er nimmt ein Antikoagulans.

  1. FAST ist positiv. Die teilweise Besserung kann zu einer TIA oder fluktuierenden Schlaganfallsymptomatik passen und hebt den Notfall nicht auf.
  2. 112 wird sofort alarmiert. Last-known-well 07:10 Uhr und Entdeckungszeit 07:35 Uhr werden getrennt dokumentiert.
  3. Antikoagulans, letzte Einnahme, Medikamentenplan und relevante Vorerkrankungen werden vorbereitet, ohne die Alarmierung zu verzögern.
  4. Herr Lenz erhält nichts oral, bis eine Schluckstörung fachlich ausgeschlossen ist. Bewusstsein, Atmung und Verlauf werden fortlaufend beobachtet.
  5. Sein Zögern wird respektvoll angesprochen; die Zeitkritik und mögliche Behandlungsoptionen werden verständlich erklärt, ohne einen eigenen Transport vorzuschlagen.
Auflösung

Der Rettungsdienst übernimmt Herrn Lenz mit klarer Zeitachse, FAST-Befund, Antikoagulation und Verlauf. Die vorübergehende Besserung wird ausdrücklich als weiterhin zeitkritisch übergeben.

Praxistransfer

Ein vollständiger Handlungsbogen

Vorher

  • Eigenschutz, Reaktion und normale Atmung prüfen.
  • Beginn oder zuletzt sichere Symptomfreiheit sofort erfragen.
  • Ausgangszustand und aktuelle Veränderung trennen.
  • ABCDE und vollständige Vitalzeichen risikoadaptiert erheben.
  • Notruf beziehungsweise internen Akutweg bei Verdacht früh aktivieren.
  • Medikamente, Antikoagulation, Insulin, Allergien und relevante Vorerkrankungen parallel zusammentragen.

Währenddessen

  • Lebensbedrohliche Befunde sofort behandeln und danach neu beurteilen.
  • FAST, Glukose oder lokalen Score als Ergänzung, nicht als alleinige Entscheidung nutzen.
  • Bei Bewusstseins- oder Schluckstörung nichts oral geben.
  • Person nicht unnötig gehen, essen, trinken oder selbst fahren lassen.
  • Befund und Trend mit Zeit, Bedingungen und Maßnahme dokumentieren.
  • SBAR mit klarer Dringlichkeit und erwarteter Handlung übermitteln.

Danach

  • Reaktion auf jede Maßnahme und weitere Verschlechterung prüfen.
  • Last-known-well, Entdeckungszeit und Maßnahmen getrennt dokumentieren.
  • Offene Kontrollen und Zuständigkeit beim Transport aktiv übergeben.
  • Relevante Unterlagen mitgeben, ohne die mündliche Kernübergabe zu ersetzen.
  • Bei unzureichender Reaktion den nächsten Eskalationsweg nutzen.
  • Ablauf, Verzögerung und Systembarrieren später lernorientiert auswerten.
Typische Denkfehler

Woran Lernen häufig zu kurz greift

Mit Lösungen

Wissen prüfen und begründen

Erst selbst antworten, dann die vollständige Begründung öffnen.

Kann eine schwere Sepsis ohne Fieber auftreten?

Antwort: Ja. Besonders ältere oder immunsupprimierte Menschen können schwer krank sein, ohne hohes Fieber zu entwickeln.

Warum: Infektionshinweis und neue Organdysfunktion sind wichtiger als ein einzelner Temperaturwert.

Was bedeutet T in FAST?

Antwort: Time: sofort Hilfe alarmieren und Symptombeginn beziehungsweise zuletzt sichere Symptomfreiheit dokumentieren.

Warum: Zeit beeinflusst die möglichen Akutbehandlungen und darf nicht durch Abwarten verloren gehen.

Schließt ein negativer FAST einen Schlaganfall aus?

Antwort: Nein. Plötzliche Seh-, Gleichgewichts-, Koordinations- oder andere neurologische Störungen können trotzdem vorliegen.

Warum: FAST erfasst häufige, aber nicht alle Schlaganfallzeichen.

Welche Brustschmerzkonstellation ist besonders dringlich?

Antwort: Neue oder zunehmende Beschwerden in Ruhe, besonders mit Atemnot, Kaltschweißigkeit, Synkope, Kreislauf- oder Bewusstseinsveränderung.

Warum: Diese Zeichen können zu einem instabilen akuten Koronarsyndrom passen.

Wann darf bei Hypoglykämie Glukose oral gegeben werden?

Antwort: Nur wenn die Person wach genug ist und sicher schlucken kann.

Warum: Bei Bewusstseins- oder Schluckstörung besteht Aspirationsgefahr; dann gilt Notruf und ein kompetenzgerechter nicht-oraler Plan.

Warum ist Sprechfähigkeit bei Dyspnoe wichtig?

Antwort: Nur einzelne Worte sprechen zu können weist auf schwere Atemnot und begrenzte Reserve hin.

Warum: Die klinische Atemarbeit kann dringlich sein, auch wenn eine Messzahl noch nicht extrem erscheint.

Was ist Last-known-well?

Antwort: Der Zeitpunkt, zu dem die Person zuletzt sicher ohne die aktuellen neurologischen Symptome war.

Warum: Er ist bei unbekanntem Beginn, etwa nach dem Erwachen, wichtiger als eine erfundene Startzeit.

Was gehört in den R-Teil von SBAR?

Antwort: Eine konkrete Empfehlung oder Erwartung, etwa sofortige Beurteilung, Aktivierung des Notfallteams oder klare Anordnung.

Warum: Die Übergabe soll eine bestätigte nächste Handlung auslösen, nicht nur Information abladen.

Fachsprache

Begriffe sicher verwenden

Sepsis
Lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlregulierten Reaktion des Körpers auf eine Infektion.
FAST
Schnelltest auf Face-, Arm- und Speech-Auffälligkeit mit sofortiger Time-Komponente.
TIA
Vorübergehende neurologische Ausfallsymptomatik durch vermutete Durchblutungsstörung, die ebenfalls akut abgeklärt werden muss.
ACS
Akutes Koronarsyndrom als Spektrum unmittelbar bedrohlicher akuter Herzkranzgefäßereignisse.
Dyspnoe
Subjektiv empfundene Atemnot, die mit objektiven Zeichen unterschiedlich stark übereinstimmen kann.
Hypoglykämie
Zu niedriger Blutzucker mit möglicher autonomer, kognitiver oder neurologischer Symptomatik.
Akutes Abdomen
Klinisches Muster einer möglicherweise zeitkritischen Baucherkrankung mit dringlichem Beurteilungsbedarf.
Last-known-well
Letzter Zeitpunkt, an dem eine Person sicher ohne die aktuellen Symptome beobachtet wurde.
NEWS2
Standardisiertes Early-Warning-System aus Vitalparametern zur Unterstützung der Erkennung klinischer Verschlechterung.
SBAR
Kommunikationsstruktur aus Situation, Background, Assessment und Recommendation.

Fachliche Grundlage

Dieses Lernmodul ergänzt Unterricht, Praxisanleitung, aktuelle Fachinformationen und lokale Verfahrensanweisungen. Es ersetzt keine patientenbezogene Entscheidung oder praktische Kompetenzfreigabe.