Sterbezeichen
Mögliche Zeichen der Sterbephase sind zunehmende Schwäche, mehr Schlaf, weniger Interesse an Essen und Trinken, veränderte Atmung, reduzierte Ausscheidung, periphere Durchblutungsveränderung, Rückzug oder Bewusstseinsminderung. Kein einzelnes Zeichen beweist allein, dass der Tod unmittelbar bevorsteht. Pflege vergleicht mit dem bisherigen Verlauf, prüft akute behandelbare Ursachen und informiert die verantwortliche medizinische Stelle. Die interprofessionelle Einordnung führt zu einem angepassten Ziel- und Symptomplan. Angehörige erhalten vorsichtige Sprache: Veränderungen können auf die letzte Lebensphase hinweisen, der genaue Zeitraum bleibt häufig unsicher. Jede deutliche Abweichung wird weiter beobachtet und dokumentiert.
PraxistransferBeschreibe sechs beobachtbare Veränderungen, mögliche Alternativerklärungen, den Rückmeldeweg und eine Formulierung ohne falsche Zeitprognose.
Essen und Trinken
Weniger Appetit und Durst sind häufig Teil des Sterbeprozesses, können aber auch durch Übelkeit, Mundproblem, Dysphagie, Delir oder andere Belastungen entstehen. Solange die Person möchte und sicher schlucken kann, werden kleine bevorzugte Mengen mit Zeit und Unterstützung angeboten. Drängen, heimliches Anreichern oder moralischer Druck verletzen Selbstbestimmung und können Aspiration oder Belastung verursachen. Künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr werden nicht als reine Pflegeroutine begonnen oder fortgeführt. Indikation, erwartbarer Nutzen, Risiken, aktueller Wille und Ziel werden im Einzelfall fachlich geklärt. Mundbefeuchtung und Beziehung können Fürsorge ausdrücken, wenn Essen nicht mehr gewünscht ist.
PraxistransferFühre ein Angehörigengespräch, das Ursachenprüfung, sichere Angebote, fehlenden Zwang, Mundpflege und die interprofessionelle Entscheidungsgrenze erklärt.
Mundpflege
Mundtrockenheit, Beläge, offene Mundatmung, Medikamente und geringe Aufnahme können in der Sterbephase stark belasten. Mund und Lippen werden mit Einwilligung beziehungsweise anhand erkennbarer Reaktion regelmäßig und nach Bedürfnis befeuchtet und sanft gepflegt. Geschmack, Temperatur und vertraute Produkte können Wohlbefinden fördern, sofern sie sicher und verträglich sind. Flüssigkeit wird bei unsicherem Schlucken nicht unkontrolliert eingeflößt. Abwehr, Husten, Schmerz oder Stress führen zur Anpassung, nicht zum Durchsetzen. Beläge, Blutung, Wunden oder Soor werden fachlich bewertet. Parenterale Flüssigkeit ersetzt keine lokale Mundpflege und wird nicht allein wegen trockener Schleimhaut begründet.
PraxistransferPlane eine bedürfnisangepasste Mundpflege mit Befund, Wunsch, Aspirationsschutz, Produkt, Häufigkeit und beobachtbarer Wirkung.
Atmung
Atmung kann unregelmäßig, flacher, tiefer oder von Pausen und Sekretgeräuschen geprägt werden. Pflege beobachtet sichtbare Atemarbeit, Mimik, Unruhe, Hautfarbe, Bewusstsein und subjektive Atemnot, soweit erfragbar. Ein Geräusch allein belegt kein Leiden. Entlastende Position, Luftbewegung, ruhige Präsenz und verordnete Symptommedikation werden passend eingesetzt und evaluiert. Sauerstoff folgt Indikation und Plan, nicht der Angst vor einem Messwert. Plötzliche schwere Atemnot, Blutung, schaumiges Sekret oder andere unerwartete Zeichen werden nach Ziel und Krisenplan sofort fachlich eskaliert. Angehörige erhalten Erklärung und eine klare erreichbare Unterstützung.
PraxistransferUnterscheide erwartbare Atemveränderung, sichtbar belastende Atemnot und akute unerwartete Gefahr mit jeweils passender Reaktion.
Bewusstsein
In der Sterbephase kann die Person schläfriger werden, weniger sprechen oder nicht mehr erkennbar reagieren. Respektvolle Ansprache, Erklärung vor Berührung und Schutz der Intimsphäre bleiben bestehen. Pflege behauptet nicht, was die Person sicher wahrnimmt, gestaltet die Umgebung aber so, als könne vertraute Stimme oder ruhige Nähe bedeutsam sein. Akute Fluktuation, Unruhe, Halluzination oder ungewöhnliche Somnolenz können auch Delir, Schmerz, Harnverhalt, Medikamentenwirkung oder andere Ursachen anzeigen. Belastung wird über Mimik, Lautäußerung, Körperhaltung und Reaktion beobachtet. Sedierung ist keine automatische Antwort auf Bewusstseinsveränderung und folgt einer klaren fachlichen Entscheidung.
PraxistransferErstelle eine Beobachtungskette aus Ausgangszustand, Veränderung, möglichen Ursachen, Belastungszeichen, Sicherheitsmaßnahme und Rückmeldung.
Lagerung
Positionierung dient in der Sterbephase vor allem Wohlbefinden, Atmung, Schmerzlinderung, Hautschutz und Nähe. Starre Umlagerungsintervalle können Schlaf, Symptomruhe oder Abschied belasten und werden daher am individuellen Ziel überprüft. Gleichzeitig werden Druck, Feuchtigkeit, Kontrakturen und Schmerzen nicht ignoriert. Kleine Positionsveränderungen, Kissen, Mikrolagerung oder eine bevorzugte Haltung können geeigneter sein. Jede Bewegung wird angekündigt, langsam durchgeführt und auf Mimik, Atmung und Abwehr geprüft. Die Person wird nicht gegen einen erkennbaren Wunsch in eine Lehrbuchposition gebracht. Angehörige können auf Wunsch unterstützen, tragen aber nicht die Verantwortung für schwierige Transfers.
PraxistransferLeite aus Atemnot, Schmerz, Hautrisiko, Schlaf und erkennbarem Wunsch einen individuellen Positionsplan mit Wirkungskontrolle ab.
Ruhe und Nähe
Ruhe bedeutet nicht zwingend Stille und Nähe nicht zwingend Berührung. Manche Menschen wünschen Familie, Musik, Gebet oder Gespräch, andere gedämpftes Licht, wenig Personen oder allein zu sein. Pflege fragt früh nach Präferenzen und beobachtet spätere Reaktionen. Alarme, unnötige Wege, wiederholte Routinen und laute Übergaben werden reduziert, soweit Sicherheit erlaubt. Berührung wird angekündigt und nicht gegen Abwehr fortgesetzt. Angehörige erhalten Erlaubnis, einfach anwesend zu sein, ohne etwas leisten zu müssen. Zugleich wird ihnen eine Pause ermöglicht. Ein sterbender Mensch darf nicht allein bleiben, nur weil Mitarbeitende Unsicherheit oder Emotion vermeiden.
PraxistransferGestalte einen individuellen Umgebungsplan aus Licht, Geräusch, Personen, Berührung, Rückzug, Pflegehandlungen und Angehörigenpause.
Rituale
Rituale können Halt, Zugehörigkeit und Abschied ermöglichen: bestimmte Musik, Gebete, Waschungen, Symbole, Kleidung, Fensteröffnung, Anwesenheit oder Schweigen. Sie werden nie allein aus Kultur oder Religion abgeleitet, sondern bei der Person oder gewünschten Zugehörigen erfragt. Wünsche werden früh dokumentiert, weil spätere Kommunikation eingeschränkt sein kann. Hygienische, räumliche und rechtliche Grenzen werden respektvoll erklärt und möglichst durch Alternativen überbrückt. Niemand wird zu einem Ritual gedrängt. Auch ein säkulares oder ganz privates Abschiedszeichen ist gleichwertig. Nach dem Tod können Zeit, Raum und gewünschte Begleitung nach lokalen Möglichkeiten organisiert werden.
PraxistransferErfrage Ritualwünsche mit offenen Fragen und plane Zuständigkeit, Material, Zeitpunkt, Grenzen und eine respektvolle Alternative.
Tod feststellen und Versorgung Verstorbener
Pflegende können fehlende Reaktion und Atmung beobachten und den vorgesehenen ärztlichen beziehungsweise notfallbezogenen Weg aktivieren; die formelle Todesfeststellung und Leichenschau erfolgen durch die dazu befugte ärztliche Person nach geltendem Landesrecht. Bei unerwartetem Tod, Sturz, Verletzung, unklarer Todesart oder anderen auffälligen Umständen wird nichts verändert, was die Klärung beeinträchtigen könnte, und das lokale Verfahren wird sofort befolgt. Erst nach Freigabe werden Identität, Würde, Intimsphäre, gewünschte Rituale, Eigentum, Kennzeichnung und Dokumentation gesichert. Zugänge oder Geräte werden nicht routinemäßig entfernt, wenn rechtliche, forensische oder organisatorische Gründe dagegen sprechen. Zugehörige erhalten klare nächste Schritte und Zeit zum Abschied.
PraxistransferOrdne erwarteten Tod, unerwarteten Tod und unklare Umstände jeweils einem sicheren Melde-, Schutz-, Freigabe- und Versorgungsweg zu.