Alkohol
Alkohol ist eine psychoaktive toxische Substanz mit Abhängigkeitspotenzial und kann zahlreiche körperliche, psychische und soziale Schäden verursachen. Pflege fragt konkret statt wertend: Getränkeart, Menge, Tage pro Woche, Episoden hohen Konsums, letzter Konsum, morgendlicher Konsum, frühere Entzüge, Krampfanfälle und aktuelle Folgen. Eine angenehme Gesprächsatmosphäre ersetzt keine präzise Erhebung. Bei möglicher körperlicher Abhängigkeit kann abruptes Absetzen gefährlich sein und gehört medizinisch geplant. Moralische Begriffe wie Alkoholiker werden vermieden; die Person bleibt mehr als ihr Konsummuster.
PraxistransferEine normale Woche und die letzten 24 Stunden getrennt erheben und Getränkemengen gemeinsam in nachvollziehbare Standardangaben übersetzen.
Opioide
Opioide umfassen ärztlich verordnete Schmerzmittel, Substitutionsmedikamente und nichtmedizinisch konsumierte Substanzen. Eine Überdosierung kann Bewusstsein und Atmung lebensbedrohlich dämpfen. Pflege priorisiert Atemweg, Atmung und Rettungskette, unterstützt Beatmung beziehungsweise Reanimation nach Kompetenz und lokalem Standard und gibt Naloxon nur im dafür vorgesehenen Verfahren. Nach Besserung bleibt Überwachung notwendig, weil Wirkung und Wirkdauer unterschiedlich sein können. Abhängigkeit wird evidenzbasiert behandelt; Substitution ist Therapie und nicht bloßer Ersatzkonsum. Nach Abstinenz sinkt Toleranz, wodurch frühere Mengen besonders gefährlich werden können.
PraxistransferBei vermuteter Opioidintoxikation nicht auf vollständige Anamnese warten, sondern Bewusstsein, Atmung, Notruf, Unterstützung und lokalen Naloxonweg gleichzeitig organisieren.
Sedativa
Sedierende Medikamente können medizinisch sinnvoll sein, aber bei längerer oder nicht verordnungsgemäßer Anwendung Toleranz, Abhängigkeit, Sturz, Gedächtnisprobleme und Atemrisiken verursachen. Kombination mit Alkohol, Opioiden oder anderen dämpfenden Stoffen erhöht Gefahr. Pflege erhebt Wirkstoff, Dosis laut Plan, tatsächliche Einnahme, Beschaffungsweg, letzten Konsum und Absetzversuche. Ein abrupter unbegleiteter Entzug kann schwer verlaufen. Dosisänderungen oder Ausschleichen werden ärztlich geplant; Pflege beobachtet Bewusstsein, Atmung, Kreislauf, Unruhe, Schlaf und mögliche Entzugskomplikationen.
PraxistransferVerordnete und tatsächlich eingenommene Sedativa inklusive Bedarfs-, Fremd- und Onlinepräparaten in einer zeitlichen Liste abgleichen.
Stimulanzien
Stimulanzien können Wachheit und Aktivität steigern, aber auch Puls, Blutdruck, Temperatur, Angst, Agitation, Schlafmangel, Brustschmerz und psychotisches Erleben beeinflussen. Nach längerer Aktivität kann ausgeprägte Erschöpfung mit depressivem Einbruch folgen. Pflege sorgt für reizarmen sicheren Kontakt, misst relevante Vitalzeichen und fragt nach Substanz, Zeitpunkt, Menge, Mischkonsum und Symptomen. Brustschmerz, schwere Übererregung, Hyperthermie, Krampfanfall oder Bewusstseinsänderung verlangen sofortige medizinische Hilfe. Konfrontation und körperliche Nähe können Eskalation verstärken.
PraxistransferBei starker Unruhe Abstand, Ausweg und Teamhilfe sichern und gleichzeitig Temperatur, Kreislauf, Bewusstsein, Schmerz und möglichen Mischkonsum erfassen.
Cannabis
Cannabiswirkungen unterscheiden sich nach Produkt, Wirkstoffgehalt, Einnahmeform, Häufigkeit, Alter, Erwartung und psychischer Vulnerabilität. Entspannung kann neben Angst, Panik, Konzentrationsstörung, Übelkeit, Unfallrisiko oder psychotischem Erleben stehen. Pflege fragt, welche Funktion der Konsum erfüllt, wann Schwierigkeiten auftreten und welche anderen Substanzen beteiligt sind. Eine pauschale Verharmlosung ist ebenso ungeeignet wie moralische Dramatisierung. Bei akutem psychotischem Erleben, schwerer Angst, Verletzung oder Bewusstseinsänderung erfolgt fachliche Einschätzung; langfristig werden Motivation und passende Behandlungsoptionen gemeinsam geklärt.
PraxistransferProdukt, Einnahmeweg, Zeitpunkt, Häufigkeit, gewünschte Wirkung, unerwünschte Wirkung, Kontext und Mischkonsum getrennt erheben.
Intoxikation
Intoxikation bedeutet eine akute Beeinträchtigung nach Substanzaufnahme. Weil Angaben unvollständig und Produkte unbekannt sein können, führt zunächst der klinische Zustand: Bewusstsein, Atemweg, Atmung, Kreislauf, Temperatur, Glukose, Pupillen, Verletzungen, Krampf und Verhalten. Mischkonsum verändert typische Bilder. Eine vermeintlich schlafende Person wird nicht unbeobachtet ausnüchtern gelassen, wenn Atmung oder Weckbarkeit unklar sind. Eigenschutz, Notruf, stabile beziehungsweise reanimationsgerechte Versorgung und lokale Notfallstandards haben Vorrang. Pflege beschuldigt nicht und sichert vorhandene Informationen für die Übergabe.
PraxistransferSubstanzhypothese erst nach ABCDE-nahem Sicherheitscheck formulieren und bei jeder Veränderung neu prüfen.
Entzug
Entzug entsteht nach Reduktion oder Ende regelmäßigen Konsums und kann je nach Substanz Unruhe, Schwitzen, Zittern, Übelkeit, Schlafstörung, Schmerz, Angst, Wahrnehmungsstörung oder Krampf verursachen. Alkohol- und Sedativaentzug können lebensbedrohlich verlaufen. Opioidentzug ist sehr belastend und kann indirekte Risiken erzeugen, benötigt aber ein anderes Management. Pflege kennt letzten Konsum, typische individuelle Vorgeschichte und ärztlichen Plan, beobachtet Verlauf mit validierten lokalen Instrumenten und eskaliert Veränderungen. Ein Punktwert ersetzt keine klinische Beurteilung oder Behandlung.
PraxistransferLetzten Konsum, frühere schwere Entzüge, aktuelle Vitalzeichen, Bewusstsein, Wahrnehmung, Krampfgeschichte, Mischkonsum und ärztlichen Behandlungsplan vollständig übergeben.
Craving
Craving ist starkes Verlangen, das durch Ort, Gefühl, Person, Körperzustand oder Erinnerung ausgelöst werden kann. Es ist nicht identisch mit fehlendem Willen. Pflege hilft, Intensität und Zeitverlauf wahrzunehmen, Auslöser zu benennen und einen kurzen überbrückenden Plan zu nutzen: Kontakt, Ortswechsel, Essen, Trinken, Bewegung, Ablenkung oder verordnete Behandlung. Welche Strategie passt, entscheidet sich individuell. Craving kann rasch wechseln; Scham und Heimlichkeit erhöhen Risiko. Bei Verbindung mit Suizid, Gewalt oder Überdosierungsgefahr wird der Sicherheitsweg aktiviert.
PraxistransferFür einen typischen Auslöser eine 20-Minuten-Kette aus frühem Zeichen, erster Handlung, erreichbarem Kontakt und Notfalloption planen.
Co-Abhängigkeit
Der Begriff Co-Abhängigkeit wird uneinheitlich verwendet und kann Angehörigen Mitschuld zuschreiben. Fachlich hilfreicher ist, Belastung, Schutzverhalten, Grenzverlust, Gewalt, finanzielle Folgen und unbeabsichtigte Aufrechterhaltungsmuster konkret zu beschreiben. Angehörige dürfen ihre eigene Sicherheit und Gesundheit priorisieren. Sie können unterstützen, aber Konsum nicht kontrollieren und keine Entzugstherapie ersetzen. Pflege bietet Information, Beratung und eigene Hilfen an, klärt Notfallgrenzen und vermeidet die Forderung, ständig zu überwachen. Kinder im Haushalt benötigen eine eigenständige Schutzperspektive.
PraxistransferMit Angehörigen drei Bereiche trennen: eigene Sicherheit, freiwillige Unterstützung und Aufgaben, die ausschließlich professionelle Dienste übernehmen müssen.
Rückfall
Rückfall oder erneuter Konsum ist keine moralische Niederlage und beendet Behandlung nicht. Er wird als Sicherheits- und Lernereignis betrachtet: Was ging voraus, welche Warnzeichen wurden übersehen, welche Hilfe war nicht erreichbar und welche Folgen entstanden? Nach Abstinenz kann die Toleranz sinken; frühere Mengen bergen dann erhöhte Überdosierungsgefahr. Pflege prüft akute Intoxikation, Suizidalität, Verletzung und Entzug, stärkt erneuten Zugang und aktualisiert den Plan. Ziel kann Abstinenz sein, aber auch Schadensminderung ist eine evidenzbasierte Brücke und kein Aufgeben.
PraxistransferNach Konsum zuerst Sicherheit klären, dann mit einer nicht beschämenden Ereignisanalyse genau eine wirksame Barriere für die nächste Risikosituation ergänzen.