ICF
Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit der WHO bietet eine gemeinsame Sprache für Gesundheit im Lebenskontext. Sie betrachtet Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Teilhabe sowie Umweltfaktoren; persönliche Faktoren werden im Modell berücksichtigt, aber nicht klassifiziert. Eine Hemiparese beschreibt beispielsweise eine Körperfunktion. Das selbstständige Anziehen ist eine Aktivität. Wieder die eigene Rolle im Familienbetrieb übernehmen zu können betrifft Teilhabe. Diese Ebenen beeinflussen sich, sind aber nicht austauschbar. Die ICF ist keine Diagnose und kein fertiges Assessment. Sie hilft, Beobachtungen zu ordnen, relevante Wechselwirkungen zu verstehen und gemeinsame Ziele über Berufsgrenzen hinweg auf den Alltag der Person auszurichten.
PraxistransferOrdne einen Fall in Körperfunktion, Aktivität, Teilhabe, Umwelt- und persönliche Faktoren und markiere ihre Wechselwirkungen.
Rehabilitationsphasen
Rehabilitation ist kein einzelner Aufenthalt, sondern ein Prozess von Bedarfserkennung und Zugang über Diagnostik, Zielarbeit, Intervention, Übergang und Nachsorge. Je nach Erkrankung und System werden verschiedene Phasenmodelle genutzt. In der neurologischen Rehabilitation sind etwa die Phasen A bis F verbreitet; sie dürfen nicht unkritisch auf jede Indikation übertragen werden. Pflege verbindet die Phasen, weil sie Funktionsveränderungen, Belastbarkeit, Selbstversorgung, Kognition und soziale Bedingungen über den Tag beobachtet. Der Rehabilitationsbedarf kann schon in der Akutversorgung sichtbar werden und nach Entlassung fortbestehen. Übergänge brauchen geklärte Ziele, Zuständigkeiten, Hilfsmittel und Fortführung. Ein formaler Phasenwechsel bedeutet nicht automatisch, dass Teilhabe erreicht ist.
PraxistransferZeichne für einen Fall die Kette von Akutversorgung bis Alltag und benenne an jedem Übergang ein konkretes Risiko für Kontinuität.
Teilhabe
Teilhabe meint das Einbezogensein in Lebenssituationen. Relevant sind nicht nur Gehen, Greifen oder Sprechen, sondern Rollen und Lebensbereiche: Elternschaft, Schule, Arbeit, Freundschaft, Wohnen, Haushaltsführung, Kultur, Religion oder Freizeit. Was bedeutsam ist, bestimmt die betroffene Person. Ein Mensch kann trotz bleibender Funktionsstörung hohe Teilhabe erreichen, wenn Assistenz, Hilfsmittel und Umfeld passen. Umgekehrt führt ein guter Testwert nicht automatisch zu Teilhabe, wenn Wohnung, Transport, Kommunikation oder Vorurteile den Alltag blockieren. Pflege fragt daher nicht nur ‚Was können Sie?‘, sondern auch ‚Was möchten oder müssen Sie wieder tun, mit wem und in welcher Umgebung?‘. Teilhabeziele geben einzelnen Übungen ihren Sinn.
PraxistransferErweitere das Ziel ‚wieder laufen‘ um eine konkrete Lebenssituation, relevante Strecke, Umgebung, Unterstützung und Bedeutung für die Person.
Ressourcen
Ressourcen sind vorhandene Fähigkeiten, Erfahrungen, Interessen, Beziehungen, Hilfsmittel, Routinen und Bewältigungsstrategien. Sie werden nicht als freundlicher Zusatz nach den Defiziten notiert, sondern bestimmen, woran Rehabilitation anknüpft. Eine Person kann etwa nicht frei gehen, aber sicher Transfers planen, Gefahren gut einschätzen, ein starkes soziales Netz nutzen oder hoch motiviert eine geliebte Tätigkeit üben. Auch ein erhaltenes Teilvermögen ist relevant: den Ärmel selbst finden, einen Handlungsschritt initiieren oder über ein Kommunikationsbrett wählen. Pflege beobachtet, wann Fähigkeiten besser gelingen, welche Hinweise helfen und was Überforderung auslöst. Ressourcenorientierung bedeutet nicht, Belastung kleinzureden; sie verbindet realistische Unterstützung mit aktiver Beteiligung.
PraxistransferErstelle ein Ressourcenprofil mit Fähigkeiten, wirksamen Hinweisen, Interessen, Beziehungen, Hilfsmitteln und günstigen Tagesbedingungen.
Zielvereinbarung
Ein Rehabilitationsziel wird mit der Person vereinbart und beschreibt einen erwünschten, alltagsrelevanten Zustand. ‚Physiotherapie dreimal pro Woche‘ ist eine Maßnahme, kein Ziel. ‚In vier Wochen mit Rollator und einer Begleitperson 40 Meter bis zum Speiseraum gehen, ohne Pause und ohne Beinahe-Sturz‘ ist konkreter und überprüfbar. Gute Ziele berücksichtigen Priorität, Ausgangswert, Zeitraum, Sicherheit und akzeptierte Unterstützung. Bei eingeschränkter Kommunikation werden geeignete Kommunikationswege, beobachtbare Präferenzen und rechtliche Vertretung einbezogen, ohne den Willen vorschnell zu ersetzen. Ziele werden in Etappen übersetzt und regelmäßig gemeinsam bewertet. Ein nicht erreichtes Ziel ist Anlass zur Analyse und Anpassung, nicht automatisch mangelnde Motivation.
PraxistransferFormuliere aus einer Maßnahme ein personennahes Teilhabe- und zwei Etappenziele mit Ausgangswert, Zeitraum und Evaluationskriterium.
Umweltfaktoren
Umweltfaktoren umfassen die materielle, soziale und einstellungsbezogene Umwelt. Derselbe Rollstuhl kann Förderfaktor sein, wenn er passt und Wege zugänglich sind, oder Barriere, wenn Türen zu schmal, Bremsen defekt oder Bedienung nicht geschult ist. Weitere Faktoren sind Wohnraum, Licht, Lärm, Transport, digitale Zugänge, familiäre Unterstützung, Dienste, Regeln und Haltungen. Überfürsorge kann Aktivität ebenso begrenzen wie fehlende Hilfe. Pflege prüft daher die konkrete Situation: Bett- und Sitzhöhe, Wege, Hilfsmittel, Zeitdruck, Sprache, Scham, Rollenverteilung und gesellschaftliche Zugänge. Eine Umweltanpassung kann Teilhabe schneller erhöhen als eine weitere isolierte Funktionsübung und muss ebenso geplant und evaluiert werden.
PraxistransferBegehe einen realen Alltagsweg und dokumentiere je drei Barrieren und Förderfaktoren mit einer veränderbaren Maßnahme.
Selbstwirksamkeit
Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Sie wächst durch erreichbare eigene Erfahrungen, verständliches Feedback, passende Vorbilder und Unterstützung, die weder überfordert noch alles übernimmt. Pflege bietet Wahlmöglichkeiten, zerlegt komplexe Tätigkeiten in bewältigbare Schritte und macht Fortschritt sichtbar. Ein ehrlich benanntes ‚Heute haben Sie den Transfer mit einem Hinweis statt drei Hilfen begonnen‘ ist hilfreicher als pauschales Lob. Rückschritte werden eingeordnet, nicht moralisiert. Schmerz, Fatigue, Depression, Angst oder kognitive Störung können Handlungsfähigkeit beeinflussen und benötigen passende Anpassung. Motivation ist keine feste Persönlichkeitseigenschaft; sie entsteht auch aus Beziehung, sinnvoller Zielsetzung, Umwelt und erlebter Kontrolle.
PraxistransferPlane eine Tätigkeit so, dass die Person selbst entscheidet, einen realistischen Schritt bewältigt und den Fortschritt nachvollziehen kann.
Prognosegrenzen
Prognosen in der Rehabilitation sind Wahrscheinlichkeitsaussagen, keine Garantien. Verlauf hängt von Erkrankung, Schädigung, Begleiterkrankungen, Komplikationen, Belastbarkeit, Lernmöglichkeiten, Unterstützung und Umwelt ab. Frühe Beobachtungen können eine Richtung anzeigen, aber individuelle Entwicklung bleibt unsicher. Pflege verspricht weder vollständige Wiederherstellung noch erklärt sie Fähigkeiten vorschnell für endgültig verloren. Sie beschreibt den aktuellen Stand, beobachtete Veränderungen, vereinbarte nächste Schritte und Sicherheitsgrenzen. Bei unerwarteter Verschlechterung wird medizinisch abgeklärt, statt alles als ‚mangelnde Mitarbeit‘ zu deuten. Wenn ein ursprüngliches Ziel nicht erreichbar erscheint, werden Kompensation, Assistenz und alternative Teilhabeziele gemeinsam entwickelt. Hoffnung bleibt konkret und wahrhaftig.
PraxistransferÜbe ein Prognosegespräch, das Befund, Unsicherheit, nächstes Etappenziel, Sicherheitsgrenze und alternative Wege verständlich verbindet.